Fast täglich

Reine Kopfsache? Wenn das Reh dich anstarrt.


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Dunstige Wiesen, 17 Grad. Was für ein herrlicher Morgen! Endlich konnte der Regen die drückende Schwüle vertreiben. Alle Mann raus also zum Flitzen. Doch der frühe Morgen garantiert nicht nur angenehme Temperaturen, sondern auch für das eine oder andere Reh, das unmotiviert im hohen Gras herumsteht.

Flötentöne im Grastunnel

Das hohe Gras an sich ist ja gar nicht schlecht. Ganz im Gegenteil. Es nimmt den Hunden die Sicht in die Ferne und verschafft uns Zweibeinern endlich mal einen Vorteil. Wir können über das Gras hinwegsehen und zur Not schnell handeln. So geschah es an diesem kühlen Morgen als Mono, Danny und Hudson wie die Irren durch die Grastunnel – ehemals Wege – bolzten. Links von mir vernahm ich ein lautes Rascheln, drehte mich und sah direkt in die Augen eines Rehs. Es zuckte kurz mit den Ohren und bahnte sich dann gemächlich seinen Weg den Hang hinauf.

„Moooonooo!“ Ich flötete so gut wie ich eben konnte. Mono schaute misstrauisch. Hatte ich doch ein leichtes Zittern in der Stimme? Nein! Ich war bombensicher, dass nicht. Er kam. Ich ströppte ihm schnell die Leine über und wartete bis das Reh ganz außer Sichtweite war. Hätte Mono das Tier gesehen, wäre er schlau genug gewesen, das hohe Gras zu umgehen und über den Weg nach oben zu laufen. Danny und Hudson spielten unterdessen unbeeindruckt weiter. Das war vorgestern.

Wo ist das Reh? Wir alle sind nasenblind

Heute Morgen war ich die Blinde. Sowohl optisch als auch olfaktorisch. Ich war nasenblind. Mono nicht. Eigentlich war es um 8:00 Uhr schon zu warm zum Flitzen. Wir dümpelten also vor uns hin. Sogar Hudson hatte weniger Energie als üblich. Plötzlich stand Mono taufrisch und kraftstrotzend auf den Hinterläufen und hielt seine Nase hoch. „Mono!“ Null Reaktion. Das Reh stand für mich zunächst unsichtbar nur wenige Meter von uns entfernt im Gestrüpp. Einen riesigen Satz ins mannshohe Gras und einen plötzlich verschwundenen Hudson später sah ich es im weiter unten gelegenen Gehölz verschwinden. Mono weg, Hudson weg! Hudson? Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich kochte. Danny stand neben mir und blinzelte mich an, als wollte er sagen: „Tsss, die beiden! Ich bleibe bei dir! Gibt’s jetzt einen Keks?“

 

Zum Glück waren beide Jecken schnell im dichten Gras stecken geblieben und bahnten sich nun langsam ihren Weg zurück zu mir. So und jetzt mal das ganze Etepetete mit „Oooh, wie fein, dass du da bist!“ zur Seite. Meine Hunde wissen, dass sie „fein“ sind, wenn sie auf Ruf zu mir kommen. Aber wenn sie Mist bauen, muss ich ihnen das ebenfalls sehr deutlich kommunizieren. Es gab also den Anpfiff des Jahrhunderts, natürlich auch verbeugend. Ein fünfeinhalb Monate alter Junghund hat nicht vom seinem großen Kumpel zu lernen, dass Rehe spannend sind. Weiter ging es dann mit angeklebten Ohren und ein paar Rückrufen mehr als üblich.

Zu viel im Kopf, zu wenig Weitsicht

Mir wanderte währenddessen vieles durch den Kopf: Niemals, aber auch wirklich niemals sollte ein Mensch glauben, dass er in einer Situation wie dieser einen wie auch immer gearteten Vorteil gegenüber seinen Sichtjägern hat. Natürlich haben wir einen höheren Standpunkt und können über das Dickicht oder das hohe Gras hinwegsehen. Doch sehen wir nichts, heißt das noch lange nicht, dass auch nichts da ist. Denn unsere Nasen sind nutzlose Gurken, die der Hunde sind ihre verlängerten Augen. Sozusagen. Unsere Ohren sind schlechter und wir sind deutlich langsamer. Außerdem haben wir den Kopf voll mit vielen andere Gedanken, nehmen unsere Umgebung also vollkommen anders wahr. Mono fragt sich niemals, was er kochen will, ob er noch tanken, die Wäsche aufhängen, Fotos bearbeiten oder Mails beantworten muss. Er geht niemals verträumt durch seine Welt. Er ist immer voll da. Mit all seinen Sinnen.

Natürlich hat Mono den sogenannten Grundgehorsam intus. Er hängt sehr an mir, entfernt sich nie besonders weit und hört wirklich gut auf mich. Ich bin fast sicher, dass er einem Reh kein Haar krümmen würde, weil es eindeutig eine Nummer zu groß für ihn ist. Doch er ist und bleibt ein beinharter Jäger. Heute hat er mich wieder sehr nachdrücklich daran erinnert.

Freie Autorin mit einem starken Hang zur Fotografie

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