Fast täglich

Mit dem Kopf in den Wolken

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Wie sieht es denn aus? Kannst du mir mal flott die Koordinaten durchgeben? Diese Frage erreichte mich gestern per PM über Facebook von einer Person, die ich persönlich nicht kenne und deren Name mir rein gar nichts sagt. Ich bezeichne sie also als unbekannt.

Das ist nicht das erste Mal, dass es bei mir Ping macht und sich genau diese Frage vor meinen erstaunten Augen aufbaut. Schon mehrfach bin ich gebeten worden, entweder Leute so ganz unverbindlich mitzunehmen oder ihnen zumindest mal schnell die Koordinaten unserer Halde durchzugeben.

Dort wo die Sonne nicht hinkommt, wächst das Schilf hoch. Diese Stelle ist immer feucht.

Mal flott oder kannst du mal eben sind Wortwendungen, auf die ich meistens extrem allergisch reagiere. Dann verkrampfen sich meine Finger, so dass ich ad hoc nicht mehr in der Lage bin, ein einziges Wort in meine Tastatur zu hacken. Und hat das mal flott zudem mit unserer Halde zu tun, tritt eine temporäre Lähmung ein.

Exklusive Ruhe – Teilen unerwünscht

Denn dort denke ich nach. Ich lasse mir den Wind um die Nase wehen, freue mich wie ein Kleinkind über die Flitzattacken meiner Hunde, freue mich, dass sie sich freuen. Manchmal sitzen wir ganz still oben auf dem höchsten Punkt. Mono und Danny könnten zu jeder Zeit stöbern gehen, wenn sie wollten. Aber sie tun es nicht. Meistens setzen sie sich ganz nahe neben mich und spähen den Hang hinunter. Das sind Minuten der Ruhe und Vertrautheit, die ich sehr genieße.

Wie so oft ganz allein auf unserer Halde. Mono und Danny könnten stöbern gehen, doch meistens setzten sie sich ganz nahe neben mich und spähen.

Ich kann derweil Experimente mit Objektiven und Kameras machen, oder einfach nur meinen Kopf lüften. Das ist der Ort, an dem ich meine Kraft schöpfe. Hier sage ich mir, dass mein Vater ganz schnell wieder gesund wird, dass mein Sohn alles packt, was er sich vorgenommen hat, dass mein Mann zum gefühlt hundertsten Mal irgendwo in Mexico, Finnland oder Dresden gesund und munter aus einem Flugzeug steigen wird. An diesen privaten Momenten lasse ich nur sehr wenige Menschen teilhaben. Ich denke, das wird jeder verstehen.

Gemütlich schlendern – Harmonie auf dem Dach des Ruhrgebiets

Ohne also unhöflich oder abweisend klingen zu wollen, sehe ich mich gezwungen hier und heute etwas klarzustellen: Unsere Halde – sie gehört uns natürlich nicht, aber wir nennen sie so – ist unsere Schutzzone, sie ist unser Ein und Alles. Nur eine Hand voller Leute kennt sie und das soll auch so bleiben. Denn dort genießen wir wahlweise die Einsamkeit oder die Gesellschaft netter Gleichgesinnter, die ebenfalls kein Interesse daran haben, aus ihr eine Touristenattraktion zu machen. Dort herrscht Harmonie. Meistens. Mensch und Hund kennen sich, man schlendert gemütlich, ob Ridgeback, Springer Spaniel oder Großpudel, ohne Sorge haben zu müssen, dass es Stress oder Keilereien gibt.

Hier erleben wir den Lauf der Jahreszeiten. Regen, Sturm, Schnee, Hitze – wir kennen jede Ecke, jeden Strauch und jedes Wasserloch. Wir kennen die gefährlichen und die unkritischen Wege, denn hier gibt es viel Wild. Hunderte von Kaninchen bevölkern die schattigen Wege, neuerdings wandern wieder die Rehe, im Frühling wurden dort Wildschweine gesichtet und einen echten Hasen hatten wir auch schon.

Wild wohin das Auge reicht!

Es gibt viele Falken, sehr große Bussarde und Eulen. Der dort ansässige Fuchs weckt in meinen Hunden keinerlei Interesse, ich kenne aber andere, die ihn gerne näher kennen lernen würden. Gerade in den frühen Morgenstunden müssen wir höllisch aufpassen, aber wir wissen genau, wo. Meine Hunde haben viele grüne Zonen, in denen sie tun und lassen können, was sie möchten. Es gibt aber auch rote, die strikt verboten sind. Das haben sie von klein auf gelernt und daran halten sie sich. Und das klappt auch nur, wenn ein hetzjagender Whippet schon im Alter von 12 Wochen versteht, dass es No-Go-Areas gibt.

 

Im letzten Winter kam uns ein Husky mit einem ausgerissenen Rehbein im Maul entgegen. Weder Hund noch Halter wurden dort jemals wieder gesehen. Zum Glück. Denn genau diese Kombination zerstört die Harmonie zwischen den Menschen, den Hunden, dem ansässigen Wild und dem Jäger, der dort das letzte Wort hat. Wir haben zu ihm ein gutes Verhältnis und das soll auch so bleiben.

Ich bin sicher, dass ihr auch solche kleinen Paradiese habt, die ihr ganz nicht in jedem Ratgeber preisgeben wollt. Hier ist strikter Egoismus in jeder Hinsicht angebracht und legitim.

2 Kommentare

  1. Marion Eckardt-Grefermann

    So verständlich geschrieben und so gut zu verstehen!!! Ich habe das große Glück solch eine „Halde“ mein eigen zu nennen und genieße dort mit meinen vier Hunden das was Sie beschreiben. Ich nehme dort eine tägliche Auszeit, die ich dringend brauche. Die Hunde sind dort unter Beobachtung und dürfen tun und lassen was sie wollen, aber unter meiner Kontrolle. Sie genießen das ebenso wie ich. Gruß Marion Grefermann

    • Ja, es ist tatsächlich ein Glück. Ich bin damals von netten Freunden eingeladen worden, mitzugehen. Vorher kannte ich das Gelände gar nicht. Ich bin ihnen also zu großem Dank verpflichtet.

      Entspannte Grüße

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