Der Krimi

Schwarz ist keine Farbe. Kapitel 3

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Im Kegel der Taschenlampe tat sich ein elegantes, von zwei großen, steinernen Hunden bewachtes Portal auf. Ein Kollege winkte Bruegel und Cocky zu sich. „Geht direkt durch in den Salon! Die Fotografen waren schon da.“ „Oh, wir haben einen Salon.“, mokierte sich Bruegel. „Ich habe nur ein schlichtes Wohnzimmer.“ „Peter, du hast einen Raum, den dein Vermieter Wohnzimmer nennt.“ Cocky war erstaunlich gut drauf.

Im Zentrum des großen Raums auf einem dicken, sehr starkfarbigen Teppich stand ein ausladendes Sofa. Seine Polster aus blutrotem Samt, die voluminösen Kissen mit Seidentroddeln und der vergoldete Rahmen schienen einem Boudoir der Belle Époque entsprungen. Eingesunken in das Meer aus Samt lag lang ausgestreckt ein silberhaariger Mann. Er sah aus, als schliefe er. Einzig seine geschlossen Augen wirkten merkwürdig eingefallen. Das flaschengrüne Tweedjacket mit violettem Einstecktuch, seine feine kamelhaarfarbene Cordhose und die dunkelbraunen Schuhe ließen auf viel Geschmack und noch mehr Geld schließen. In seinem rechten Arm, wie zum Schlaf eingerollt, lag ein kleiner, dunkel gestromter Hund, dessen Rasse keiner der Polizisten zunächst identifizieren konnte. In seiner linken Armbeuge lag ein weiterer, dessen Farbe Bruegel schnell als so etwas wie Beige einstufte. Auch dieses Tier sah aus, als schliefe es tief und fest. Auf einem zierlichen Teetischchen standen ein Flasche Weißwein und ein halb volles Glas. Die Spurensicherung hatte schon ein rotes Nümmerchen angebracht, das sich farblich gekonnt in die Szene einschmiegte. 

Bruegel scannte den Raum. Die dunkle Täfelung gab dem Salon etwas Beklemmendes. Gemälde überall. „Die Petersburger Hängung war noch nie meins!“, sinnierte Bruegel, aber von dem einen oder anderen Bild konnte er einfach nicht lassen. Die fein gearbeiteten Jagdstücke faszinierten ihn. „Peter!“ Cocky holte ihn unsanft zurück. „Peter! Kannst du dich jetzt mal auf unser Opfer konzentrieren!“ „Ungern!“ Bruegel hatte keine Lust auf den Scheiß. Cocky holte aus:“Also, wir haben hier einen Herren, etwa zwischen 55 und 60 Jahre alt, manikürte Fingernägel, perfekte Zähne, Haare geschnitten, frisch rasiert. Insgesamt sehr gepflegt also. Jacket vom Schneider, und so weiter.“ Cocky hielt inne. „In seinen Armen liegen zwei Whippets, die vermutlich ebenso wie der Greyhound von heute morgen, unter Fachkenntnis eingeschläfert wurden. Sie sind vollkommen unverletzt.“ Bruegels Ungeduld wuchs:“ Jetzt komm mal auf den Punkt, Cocky!“ 

Schwarz ist keine Farbe. Kapitel 3

Sein Kollege setzte die übliche beleidigte Mine auf, die Bruegel immer wieder zu verstehen gab, dass er sich im Ton vergriffen hatte. „Wir haben hier Leopold Wilhelms, 56 Jahre alt, Immobilienmakler und allgemein bekannter Züchter von diesen klapprigen Hunden da, die in seinen Armen liegen. Jemand hat ihn wohl draußen im Garten niedergeschlagen, ihn auf diesem Sofa drapiert und ihm dann Augäpfel und Zunge entfernt. Tödlich war schließlich ein Stich direkt ins Herz. Mit einer lagen Nadel oder so. Der Einstich ist winzig klein. Todeszeitpunkt heute etwa zwischen 17:00 und 18:00 Uhr. Es gibt kein Blut. Der Täter muss Wilhelms gewaschen und umgezogen haben. Keine Kampfspuren und offenbar wurde nichts gestohlen. Wir haben alles extra für dich wieder so hergerichtet, damit du dir ein Bild machen kannst.“ „Wieder die Zunge. Na, das hat sich ja einer richtig Mühe gemacht. Lebte er allein?“ „Nein, sein Freund sitzt nebenan in der Küche. Bitte Peter, versuche einfühlsam zu sein. Er ist total mit den Nerven runter.“ Bruegel verstand die Anspielung nicht. Er durchschritt den Salon. Die Gemälde. Wunderbar! Der Tote im samtenen Meer muss ein Kenner gewesen sein. „Küche, also? Gibt es irgendwen, der mir einen Kaffee macht?“, bellte er. 

„Und sie sind jetzt wer?“ Bruegels Kopfschmerzen hatten Schlagbohrerintensität erreicht. Auf einem kleinen, hölzernen Stuhl saß ein junger Mann. Er zuckte zusammen, als Bruegel ihn ansprach. Wie im Schüttelfrost bibberte er am ganzen Körper. Sein Gesicht war derart verheult, dass sogar in Bruegels verknöcherter Welt plötzlich ein bisschen Mitleid Platz fand. Er versuchte seine Stimme zu senken:„Wie heißen sie?“ „Ich heiße Matthias Gallas.“ Tränen rannen über sein zartes Gesicht, das ohne weiteres das eines jungen Mädchens hätte sein können. Doch seinen Augen lagen wie zwei dunkle, harte Kiesel unter seinen Brauen. Pavarotti! Luciano Pavarotti hatte auch diese schwarzen, steinernen Augen. Eine begnadete Stimme aber Augen ohne jede Emotion.

Bruegel versuchte, sich zu konzentrieren: „Sie sind der Lebensgefährte des Toten, richtig?“ „Ja, bin ich! Und er heißt Leo! Merken sie sich das bitte.“ „Sie wohnen hier? Ist ihnen heute im Laufe des Tages etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Hatten sie Besuch? Waren Fremde auf ihrem Grundstück?“ Matthias schnäuzte sich:“ Ja, ich wohne hier und nein, ich war seit heute Morgen um sechs Uhr unterwegs und erst gegen neunzehn Uhr wieder hier. Ich habe Leo gefunden und dann sofort die Polizei gerufen.“ „Wo waren sie den ganzen Tag?“ „Ich habe eine unserer Hündinnen decken lassen.“ „So eine wie die beiden auf dem Sofa?“ „Ja, eine unserer Whipptehündinnen.“ „Wo genau waren sie?“ „Ich war bei einem Züchter in den Niederladen.“ „Name, Adresse! Er wird sicher bestätigen können, dass sie dort waren.“ Matthias drehte sich langsam zu Bruegel hinüber:“Natürlich!“ Der gelangweilte, kalte Unterton in seiner Stimme passt zu seinen Augen, dachte Bruegel, aber nicht zu einem der Situation angemessenen Gemütszustand. „Meine Kollegen werden alle weiteren Informationen aufnehmen. Bitte halten sie sich zu unserer Verfügung.“ Diese Augen! Er mochte Matthias nicht. 

Bruegel verließ das Haus durch den Hintereingang. Die Nachtluft tat seinem Kopf gut. Der Himmel war nun sternenklar. „Nessun dorma, nessun dorma …“  Bruegel sang leise. Pavarottis Stimme hatte dieses Arie aus Puccinis Turandot Unsterblichkeit verliehen. „Keiner schläft, keiner schläft … Irgendjemand verliert keine Zeit. Heute Morgen auf der Rennbahn, heute Nachmittag hier.“ Bruegel drehte sich ruckartig um und rannte zurück in den Salon. Die Hände. Er schaute sich die Hände von Leopold Wilhelms an. Sein rechter Ringfinger hatte eine tiefe, helle Kerbe von einem Ring, den er sehr lange getragen haben muss. „Gallas! Wo ist Gallas?“ Bruegel brüllte. Gallas kam aus der Küche geschlichen. „Ihr Freund, also Leo, trug einen Ring. Wo ist er?“ Gallas glotzte verstört. „Ich habe keine Ahnung. Gestern trug er ihn ganz sicher noch. Es ist ein goldener Siegelring, den er weder unter der Dusche noch in der Nacht ablegte.“ „Was bedeutete dieser Ring für ihn?“ Gallas schüttelte den Kopf:“Ich weiß es nicht.“

„Cocky, ruf mal die Kollegen an. Sie sollen nachsehen ob dem Holländer von heute Morgen ein Ring fehlt.“ „Ein Ring?“ „Ja ein Ring, Cocky! Mach einfach! Und ich brauche jetzt endlich meinen Kaffee.“ „Unsere Zugehfrau hat heute frei. Ich mache ihnen eine Bloody Mary. Die können sie ganz sicher besser gebrauchen. Und ich auch.“ Gallas ging langsam zurück in die Küche. „Gallas?“ Bruegels Ton war hart. „Gallas, der Ring. Denken sie nach! Und schauen sie mit den Kollegen von der Spurensicherung ihre Kleiderschränke durch. Was fehlt? Es müssen die Stücke sein, die Leo heute getragen hat.“ Gallas nickte unterwürfig, aber er hasste diesen groben, lauten Polizisten, dem ganz offensichtlich niemand Manieren beigebracht hatte. Und wen meinte er mit dem Holländer? Er wollte zu den Hunden. Die liebenswerten, warmen Wesen waren an diesem Abend die einzigen, die ihn trösten konnten.


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Freie Autorin mit einem starken Hang zur Fotografie

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