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Platz da, ich mach jetzt Kunst!

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Sicher! Und ich mache mal meinem Entsetzen Platz, wie viele Menschen, die sich Fotografen nennen, weder Respekt vor der Kunst noch ein Fitzelchen Ahnung von ihr haben.

Dabei ist die Fotografie ein künstlerisches Medium wie z.B. die Malerei. Nur mit anderen Mitteln!

Der Hamburger Fotograf Patrick Ludolf teilte bei Facebook einen zugegebenermaßen etwas veralteten Link aus dem Buisness Insider, der über den Verkauf einer Malerei von Mark Rothko berichtete. Im letzten Mai versteigerte Sotheby’s New York die Arbeit „Untiteld – Yellow and Blue“ von 1954 für 46,5 Millionen Dollar. Das ist viel Geld. Aber im Vergleich zu den Preisen, die Arbeiten von Gerhard Richter, Picasso oder Monet erzielen, hält sich Rothko noch im Rahmen.

Ludolf wiederum hielt sich recht neutral, doch es kam wie es immer kommt. Bis auf ein paar wenige kotzten alle Kommentatoren ihre haltlose Missachtung in den Thread. „Das kann ich auch!“ und das Übliche. Mark Rothko? Nie gehört, aber das kann ja nur Schrott sein! Besonders verärgert haben mich jene, die für sich in Anspruch nehmen, einen künstlerischen Beruf auszuüben. Die Fotografen: „Leute ich verkaufe meinen ganzen Fotoscheiß und hol mir 2 Farben und nen Pinsel!“ Andere zweifeln am Fortbestand der Menschheit oder beklagen die Seelenlosigkeit der Welt. Nun ja, darüber könnte man diskutieren, aber ganz sicher nicht in diesem Zusammenhang, denn:

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Mark Rothko, 1947: „Ein Bild lebt in Gemeinschaft, indem es sich in den Augen des einfühlsamen Betrachters entfaltet und dadurch in ihm auflebt. Es stirbt, wenn diese Gemeinschaft fehlt. Deshalb ist es ein gewagtes und gefühlloses Unterfangen, ein Bild in die Welt zu entsenden.“

Wer von den oben erwähnten kalten Technokraten hat ein einziges Mal in seinem Leben einen solchen Gedanken zu einem seiner Fotos gehabt. Hmm? Keiner. Danke.

Platz da, ich mache jetzt Kunst!
Wir sind keine Kunst, wir sind nur Illustration.
In der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts geht es nicht um einzelne Bilder oder Plastiken. Natürlich gibt es Schlüsselwerke, aber generell geht um Konzepte, es geht um Innovation und das stetige Vorantreiben einer Idee. Es geht um neue Wege mit der Wirklichkeit umzugehen. Letztere müssen nicht den persönlichen Geschmack treffen, aber sie verdienen Respekt.

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Rothko hat mit seinen Farbfeldern übrigens schon zu seinen Lebzeiten extrem hohe Preise erzielt. Seine Arbeiten haben die Menschen fasziniert, sie aufgesogen in ihre Farben und gefangen. Wie viele andere hätte ich auch gerne eine große Malerei von Mark Rothko hier hängen. Ich mochte ihn nämlich schon immer, doch ich kann ihn mir leider nicht leisten. Ebenso wenig wie ein Bild von Gerhard Richter, der nach wie vor der am höchsten gehandelte Künstler der Welt ist. So ist das mit dem Angebot und der Nachfrage.

Ich habe niemals und werde niemals einen künstlerischen Anspruch an meine Fotos stellen. Sie sind dokumentarisch, oft illustrierend, oft schlichter Spaß. Doch ich profitiere ganz sicher von dem, was ich über die Kunst gelernt habe. Wenn aber die bei Facebook so abfällig über die Malerei von Mark Rothko motzenden Damen und Herren ihren Claim „Fotokunst XY“ oder „The art of photography by XY“ nennen, dann können sie mir auch ganz sicher erklären, was genau sie unter Kunst verstehen. Oder?

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Freie Autorin mit einem starken Hang zur Fotografie

3 Comments

  1. Darf ich mal ein wenig rumphilosophieren?

    Jeder Künstler macht sich ganz sicher seine Gedanken zu seinem Werk. Und das hat man einfach zu respektieren – ob einem das Ergebnis nun gefällt oder eher nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Das sind einfachste menschliche Verhaltensweisen die jeder halbwegs gut sozialisierte Mensch auf die Kette bekommen sollte.

    Das „Problem“ heute steckt eher in den diversen so genannten sozialen Medien, allen voran Facebook! In Kurzform könnte man sagen „Segen und Fluch“! Man gewinnt leider den Eindruck dass der „Fluch“ überwiegt. Und ich behaupte, dieser Eindruck ist falsch. Ich bin davon überzeugt, dass es die „schweigende Mehrheit“ und die „krakelende Minderheit“ gibt, nur um die Masse mal ganz salopp in zwei Lager zu teilen. Und die perfekte Spielwiese ist für Alle angerichtet! Leider werden dann auch noch manche Dinge aus den sozialen Medien durch die Presse zusätzlich gepuscht! So entstehen dann ganz schnell falsche Eindrücke der Realität. Und natürlich kann man diese sozialen Medien wunderbar instrumentalisieren und für diverse Zwecke missbrauchen.

    Aber sind DAS wirklich die Probleme unserer Zeit?

    Wer weiß denn schon, dass ca. 6% der männlichen Bevölkerung Psychopathen sind? Wer weiß denn schon, dass von diesen 6% ein nicht unerheblicher Teil hohe Positionen in Wirtschaft und Politik bekleidet? Klingt albern? Wenn man sich mit so einem Thema (und das musste ich leider) etwas näher auseinandersetzt, dann bleibt einem sehr schnell das Lachen im Halse stecken.

    Und unsere soziale Kluft wird immer größer. Immer mehr Menschen verdienen immer weniger Geld, und umgekehrt. Warum weiß das jeder und warum ändert niemand etwas daran?

    So, Stopp, Handbremse! Für viele bin ich mit meinen Gedanken Lichtjahre am Thema vorbei gerauscht. Aber das sind eben die Gedanken die ich mir so mache wenn ich mal wieder irgendwo lese, dass irgendeine Pappnase einen dummen Kommentar auf Facebook geschrieben hat und sich anschließend für den König der Welt hält. Missachtung ist in meinen Augen die einzige angemessene Reaktion auf so einen Müll. Ich weiß, manchmal ist das leichter gesagt als getan…

    LG Wolfhart

    PS: Deine Fotos sind sicher oftmals dokumentarischer Natur, aber sehr viele davon haben in meinen Augen einen künstlerischen Anspruch! Und auch wenn mir nicht immer jedes einzelne Foto gefällt, so haben sie zumindest alle etwas gemeinsam – sie bewegen zum Hingucken. Ziel erreicht!

  2. Was kümmert es einen Baum, wenn sich ein Schwein an ihm kratzt! Soviel zu denen, die glauben, das Rad neu erfunden zu haben und die jede Streitkultur glauben in eine Schlammschlacht verwandeln zu müssen.
    Wie Wolfhart schon richtig bemerkt: Dein Foto ist wesentlich mehr als Illustration, sondern zeigt eine beeindruckende Bildgestaltung. Das betrifft vorallem den Umgang mit Licht und Farbe. Hier deuten sich im brauntonigen Hell – Dunkel Beziehungen zum Bildverständnis eines Rembrandt an. Sehr ausdrucksstark!

  3. Bildende Kunst ( Malerei, Zeichnung, Fotografie, Skulptur, Installation ) ist der freiheitliche Ausdruck eines Wirklichkeitsausschnittes mit optischen Zeichen. Wirklichkeit bedeutet einerseits äußeres, sichtbares oder inneres, psychisches Wahrgenommenes. Die Wirklichkeitserfahrung eines Mark Rothko ist keine Abbildung von Sichtbarkeit, sondern Formulierung eines inneren Zustandes auf der Basis von Farberlebnissen. Seine Welterfahrung wird durch die Taten und Leiden, durch die Konflikte und Harmonien der Farbe als Selbsterfahrung anschaulich. Wer das übersieht, sollte die Klappe halten und lieber Baggerfahrer werden.
    Fotografen andererseits haben es mit der sichtbaren Welt zu tun. Sie können dokumentieren oder illustrieren oder eine freie künstlerische Sicht realisieren, vergleichbar einer gegenständlichen Malerei. Weiter so!

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