Fast täglich

Ein perfekter Tag

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Spätestens am 30.September klappt man hier mit einem lauten Wums die Bordsteine hoch. Am Strand parkt man sogar schon ab dem 30.August umsonst. Als würde man sich vorher um die Parkplätze kloppen müssen. Denn selbst wenn die Franzosen Ferien haben und in Mittel-bis Großfamiliengebinden in die kleinen Badeorte einfallen, ist immernoch mehr als genug Platz für alle. Hors saison fühlt man sich aber dann ein kleines bisschen wie Robinson Crusoe. Mit allen Konsequenzen.

Rund fünfzehn Kilomter vom Meer entfernt ist davon nicht viel zu bemerken. Die Supermärkte öffnen und schließen im gleichen absurden Rhythmus wie im Sommer. Die Bauern sind ganzjährig fleißig. Nur die Jäger künden vom Herbst. Und vielleicht das Wetter. Es ist nicht mehr so beständig wie im Sommer, aber die angenehmen Temperaturen sind in jeder Hinsicht aktivitätsfördernd für Mensch und Hund.

Sand im Getriebe

Lange hatten wir schon einen Plan, der sich in der Augusthitze wahnwitzig ausnähme. Von La Faute sur Mer wollten wir am Strand entlang bis zur Spitze der Landzunge, dem Point d’Arcay, laufen. Bei Tiefebbe und perfekten 16 Grad starteten wir mit leichtem Marschgepäck. Die Kamera ist schon lange zu einem neuen Körperteil geworden, Hundewasser, Wasser für uns und ein I-Phone wiegen im Grunde nichts. Mono und Mr.Clark drehten wie üblich in den Dünen kräftig auf, so dass ein halber Liter Hundewasser schon weg war, bevor wir überhaupt den Ozean erreicht hatten.

Rutschende Socken am Nudistenstrand

Wir waren mutterseeleallein an einem endlosen Atlantikstrand. Nach etwa einer halben Stunde Boah ist das schön, sagten mir meine Füße, dass die Gummistiefel eindeutig die falsche Wahl waren. Es wurde stetig wärmer und meine Socken rutschten mir immer wieder unter die Fersen. Ausziehen wollte ich sie aber auch nicht. Dann hätte ich sie schleppen müssen. Ich wollte aber unbedingt die Hände zum Fotografieren frei haben, also litt ich leise vor mich hin. Natürlich hätte ich die Botten an einer markanten Stelle am Strand stehen lassen können, doch auf die Idee kam ich erst, als wir zweieinhalb Stunden später wieder im Auto saßen.

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Nackedeistrand

Der Familienstrand vor La Faute sur Mer geht weiter südlich nahtlos in den Nackedeistrand über. Schon gute 500 Meter vorher endet die sogenannte überwachte Zone. Der Atlantik ist auch dort tückisch, trotz der der vorgelagerten Muschelbänke. Da am Nudistenstrand selten mehr als drei bis vier Badende unterwegs sind, ist es vollkommen egal, ob man der textilen Fraktion oder eben der der Nudisten angehört. Wenn es hart auf hart kommt, darf dort jeder unbewacht absaufen.

An diesem Morgen war noch nicht einmal ein nackter Schwimmer unterwegs. Nur ganz weit in der Ferne stecken zwei lange Angelruten im Sand. Mono findet Angler spannend. Sie stehen ‚rum, ganz still und riechen nach Fisch. Als wir uns der kleinen Oase aus Taschen, Kästen, Eimerchen und Ködern näherten, nahm ich Mono also zu mir. Der konzentriert aufs Meer hinausschauende Mann hätte ganz bestimmt einen furchtbaren Schreck bekommen, wenn Mono – ganz in Mono-Manier – in vollem Tempo auf ihn zu geprescht wäre.

Das Ziel zum Greifen nahe

Wir glaubten unserem Ziel langsam näher zu kommen. Mittlerweile hatten meine Füße in den Gummistiefeln fast den Siedepunkt erreicht. Da ich mich zum fotografieren in regelmäßigen Abständen auf die Knie geschmissen hatte, war meine Jeans bis zu den Oberschenkeln quaddernass. Das kühlte zwar ein wenig, war aber trotzdem irgendwie unangenehm. Mr.Clark war längst dazu übergegangen, direkt in meine Kniekehlen atmend hinter mir her zu traben. Jedes mal, wenn ich abrupt stoppte, rannte er mir in die Hacken. Das ist seine Art uns mitzuteilen, dass er jetzt sofort genug hat, bitte schnellsten fressen und dann schlafen möchte.  Mono macht indess jeden Meter, den wir gingen, drei Mal.

Der Rückweg ist immer länger

Schwarze Wolken zogen auf. Urplötzlich. Einstimmig erklärten wir unseren Plan für gescheitert und machten auf dem Absatz kehrt. Mr.Clark eierte weiterhin vorwurfsvoll lethargisch hinter mir her. Der Angler kam wieder in Sicht. Mono haute seine Hacken in den Sand, raste im wilden Sprint auf den verdutzen Mann zu und lief eine halsbrecherische Wende um die wippenden Angelruten. Der Angler selbst blieb stocksteif stehen und hielt schützend seine Hände vor sich. Da er ganz offenbar Angst hatte, rief ich Mono energisch zurück. Keine Reaktion. Der Angler stand nach wie vor wie angewurzelt. Mono schnüffelte ihn unbeeindruckt und gründlich ab.

Mono der Höllenhund

Meine Füße kochten, als ich die Szene endlich erreicht hatte. Mr.Clark fand den Mann komisch, hielt deshalb Abstand, konnte aber nicht umhin, ihm ein böses Bellen hinüber zu schicken. Nur heiße Luft, aber in diesem Moment wohl sehr wirksam. Ich ströppte Mono die Leine über und erst als ich mich demütigst entschuldigen wollte, bemerkte ich das sein Opfer splitternackt war. Ein Nackt-Angler! Ein nacktes, zitterndes Häufchen Elend in leuchtend blauen Crocs! (Mein Anstand befahl mir, hier keine Fotos zu machen.) Oh, böser Mono. Du Höllenhund! Wenn Mr.Clark nicken könnte, hätte er es bedeutungsvoll getan.

Robinsongefühl im Nutzhafen

Google-Maps sagte uns hinterher, dass wir gute 12 Kilometer gelatscht waren, ohne den äußersten Punkt, den Point d’Arcay, überhaupt von weitem gesehen zu haben. Immerhin saßen wir im Auto, bevor sich der Wolkenbruch über den Strand ergoss. Die Hunde plumpsten fix und fertig in den Fond. Ich riss mir die Gummistiefel von den Füßen und schwor, sie nie wieder anzuziehen. Mein juristisch beschlagener Gatte orakelte, dass eine Klage gegen ihren Hersteller wohl abgeschmettert werden würde. Lass uns am Hafen Muscheln kaufen, sagte ich leichthin. An die oben erwähnten hochgeklappten Bordsteine dachte ich nicht. Der kleine Nutzhafen war – wie immer mittags im Oktober – menschenleer, alle Fischbuden verrammelt. Also keine Muscheln. Das ist der Preis für das Robinson-Crusoe-Gefühl. Der konnte auf seiner Insel auch nicht aus den Vollen schöpfen.

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Uns blieb der Händler, der regelmäßig im Nachbardorf vor der Bar du Sport steht und – ohne Übertreibung – die besten Austern der Welt verkauft. Bei Wind und Sturm, 4,20 Euro das Dutzend. In Begleitung von ein paar Crevettes Roses und ordentlich viel Knoblauchbutter wanderten 24 von ihnen kurze Zeit später auf den Grill. Unser klägliches Scheitern am Point d’Arcay war vergessen, die Whippets schnarchten genüsslich und sogar meine Füße waren auf Normaltemperatur heruntergekühlt. Die Herbstsonne schien uns auf die Nase – ein perfekter Tag im Oktober.

Aus den mitgebrachten Fotos habe ich zwei Galerien gemacht, die ich in den nächsten Tagen noch um das eine oder andere Bild ergänzen werde.

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Freie Autorin mit einem starken Hang zur Fotografie

3 Comments

  1. Hi, jetzt weiß ich endlich genau wo ihr wart!

    Vor X Jahren habe ich mal Urlaub gemacht zwischen La Tranche sur Mer und La Faute sur Mer.:)))
    Damals noch mit Dobermann und mitten im Sommer.
    Ich bin auch mit dem Hund den Strand entlang gelaufen bis zum textilfreien Stück Strand.
    Da bin ich dann angesprochen und gebeten worden die Buxe fallen zu lassen oder zurück
    zu gehen. Hattest du mal als einziges Kleidungsstück eine Hundeleine um den Hals hängen?:)))
    Brenda hätte ihr Halsband weiter tragen dürfen aber ich fühlte mich doch ein bissel…seltsam?
    Nun gut, man konnte ja auch woanders laufen. Seit ihr mal durch das Stück Pinienwald gelaufen
    wo es ständig knackt wenn die Pinienzapfen sich öffnen?
    Toller Urlaub, sehr zu empfehlen. Wir hatten unser Ferienhaus über B&B en Vendee gebucht.
    Komplett eingezäunt und für Besucher mit Hund(en) optimal.
    Liebe Grüße
    Michael

  2. Ja, wenn es heiß ist, sind die Pinienwälder prima. Der Boden ist sehr weich und man läuft ein bisschen wie auf Watte. Allerdings sind sie voll mit Eichhörnchen. :0) In den Dünen sitzt hier und da ein Hase, aber sonst ist dort alles whippettauglich. 🙂
    Toll in der Gegend: Hat man mal die paar Familen überwunden, kann man auch im Hochsommer ohne Probleme die Hunde flitzen lassen.

    Entspannte Grüße

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