Bevor ich ohne Umwege von der Schutzhund-, Hundeplatz- und Beißmichaufkommando-Community auf die Mütze kriege, schicke ich gleich vor weg, dass ich im Folgenden nur beschreibe, was ich gesehen und erlebt habe. Ich weiß, dass es auch nette Schäferhundleute gibt, die freundlich zu ihren Hunden sind, doch gestern waren genau die nicht anwesend.

Mono musste zum Doc. Wie ich meinte, hatte er sich etwas in die linke Vorderpfote getreten, das ich nicht im Stande war, herauszupulen. Die Praxis unseres Veterinärs liegt auf dem Gelände der hiesigen Trabrennbahn. Voll ist es eigentlich immer, doch es lässt sich prima draußen auf dem Gelände warten. Dort stehen Bänkchen und zum Schnacken ist eigentlich immer jemand da. Nach fünfeinhalb Jahren kennt man sich irgendwie.

Klischees über Klischees

Es war offensichtlich der Tag des Schäferhundes. Ob sie sich alle verabredet hatten, hey, heute gehen wir mal zusammen zum Tierarzt, oder ob sie sich zufällig trafen, werde ich nie erfahren. Sie kannten sich und erfüllten in meinen Augen alle gängigen Klischees. Einer der Herren ging mit einem großen Deutschen Schäferhund an der kurzen Leine auf und ab. Der Hund schlingert langsam und unsicher. Er hatte extrem gewinkelte Hinterläufe und die typische stark abfallende Rückenlinie. Trotz oder wegen seiner offensichtlichen Behinderung versuchte der große Rüde, alles anzugehen, was in seine Nähe kam.

Bloß weggucken
Bloß weggucken

Der zweite Mann saß auf einer Bank. Massig, laut, grob, im Blaumann. An einer dicken Kette japste ebenfalls ein Schäferhund. Er war etwas kleiner als sein hüftkranker Kollege, fast ganz schwarz und in meinen Augen ungewöhnlich kurzbeinig. Dafür aber umso grantiger. Seinen Augen legten sich jeden fremden Hund zurecht, jedes Mal ruckte er heftig an seiner Kette und knurrte böse. Sein Besitzer antwortete stereotyp mit heftigerem Rucken und einem drohenden, lauten „Lasses, duuuuu!“

Seife vom Chef

Der dritte Mann kam mit einem Junghund vom Parkplatz. Oder eher der Junghund mit dem Mann. Er riss an der Leine, rannte hektisch hin und her, sprang vor und zurück. Der Kleine war richtig wild, aber nett dabei. So wie junge Hunde nunmal sind. Doch jedes Mal, wenn er hüpfte, bekam er Seife von seinem Chef. Der Mann riss so stark am Halsband, dass der Kleine fast einen Salto rückwärts machte. Hör auf! Hör auf!

Da die Hunde sich nicht näher kommen durften, schrie man sich Informationsfetzen zu. Der Kleine hatte sich wohl auf dem Hundeplatz mit irgendeiner Pest angesteckt. Der große Schwarze hatte sich selber ein Stück von der Rute abgebissen. Das würde ich wohl auch tun, wenn ich mein Leben mit einer armdicken Kette um den Hals in den Händen dieses Klotzes fristen müsste.

Je lauter desto Sitz

Ein derber, aggressiver Kasernenton hallte im Sekundenrhythums über das Stallgelände. Entweder aus der einen oder aus der anderen Richtung. Mono stand ganz still neben mir. Ich spreche immer sehr leise mit ihm. Nur sehr selten muss ich meine Stimme heben, und dann weiß er, jetzt ist Achterbahn. Die Brüllerei, die abgehackten, ruppigen Befehle der Schäfer-Männer brachten ihn noch mehr aus dem Konzept, als es der Tierarztbesuch allein schon tat. Er wusste nicht mehr, wo er hingucken sollte, also hielten sich seine Blicke an mir fest. Gut so! Ich wurde immer leiser und leiser. Die Frau neben mir versuchte verzweifelt, ihren kleinen Terrier zu beruhigen. Sie flüsterte: „Schrecklich, finden sie nicht auch?“ Ja, ich fand es auch schrecklich.

Schau mich an

Ist es denn so schwer, mal nett zu sein? Muss man Schäferhunde immer so anbrüllen? Brauchen sie keine Streicheleinheiten? Muss man einen sechs Monate alten Junghund so behandeln? Oder braucht das Ego dieser Simpel den Kick, sich eine vierbeinige Waffe an einer rostigen Kette heranzuziehen?

Ich habe ja Verständnis dafür, dass man einen Wach- bzw. potenziellen Schutzhund nicht wie einen Whippet erziehen darf. Aber mir kann niemand erzählen, dass diese Brutalität, diese Grobheit und diese Kälte den Tieren gegenüber nötig ist. Zumal sie im Falle des Junghundes überhaupt keinen Effekt hatte. Egal wie oft dieser Mann Sitz brüllte, der Hund setzte sich nicht. Der hatte keinen Bock auf Sitz. Die Pferde waren viel spannender. Hätte er zumindest ganz in Ichbinchefduwurstbrüllmanier das Sitz durchgesetzt. Hat er aber nicht. Er stand hilflos da und grinste. Lass den Jungen Wilden mal groß sein, dachte ich. Na dann gute Nacht.