Autor: Karla Schwede

  • Nicht ohne meine Nutzlosigkeiten!

    Nicht ohne meine Nutzlosigkeiten!

    Ich schaue sie an und muss lächeln. Sie mögen objektiv betrachtet keinen großen Wert haben, aber ich würde mich niemals von ihnen trennen. Sie sind Dinge, die Geschichten erzählen. Manche von ihnen sogar mehrere.

    Jeder Mensch auf der Welt besitzt irgendein Kleinod. Es ist so sehr mit Erinnerungen aufgeladen ist, dass er sich niemals von ihm trennen würde. Ein Schmuckstück, ein Foto, ein Möbel, ein Spielzeug, eine kleine Eintrittskarte oder einen Song. Ich persönlich hüte ein paar mehr solcher Dinge, die ich zur Not auch barfuß durch die Wüste schleppen würde. Trennung? Undenkbar!

    Nicht ohne meine Nutzlosigkeiten! Im Rotlichviertel gefunden. Während meines Studiums fand ich bei einem Hinterhoftrödler dieses Bowlengefäß aus der Jugendstilzeit. Der riesige Glaskubus ist bis auf einen kleinen Gaps am Rand makellos. Leider fehlt der passende Löffel.
    Im Rotlichviertel gefunden. Während meines Studiums fand ich bei einem Hinterhoftrödler dieses Bowlengefäß aus dem Art Deko. Der riesige Glaskubus ist bis auf einen kleinen Gaps am Rand makellos. Leider fehlt der passende Löffel.

    Jeder hat ein Kleinod

    Diese riesige Art Deco Bowle zum Bespiel erzählt mir Bände, jedes Mal wenn ich sie anschaue. Ich war Studentin, hatte mit Freunden eine Nacht in einem bekannten Club verbracht und zog nun mit ihnen zu einem türkischen Imbiss. Dieser kleine Laden lag neben einer Eisenbahnbrücke im Bochumer Rotlichtviertel und hatte rund um die Uhr die leckersten, frischesten Köstlichkeiten anzubieten. Auf dem Weg dorthin bemerkt ich an einer heruntergekommenen Altbauzeile ein Schild, das zuvor nicht da war: Trödelhalle im Hinterhof. Diese selektive Wahrnehmung muss erlernt oder gar genetisch sein, denn meine Eltern haben mich von klein auf regelmäßig auf solche Märkte und in Läden dieser Art mitgeschleppt. Sie zeigten mir ganz nebenbei, wie ich altes Glas von neuem unterscheide, wie ich Formen, Gestaltungsmerkmale und Materialien zeitlich einsortieren muss. Niemals werde ich den Geruch von Staub, Möbelpolitur und altem Silber vergessen, der mich in den düsteren Antiquitätenläden einhüllte wie eine dicke, weiche Decke.

    Total eingestaubt: Die Art Deco Karaffe mit acht passenden Gläser fand ich bei einem der typischen Vide Greniers in Frankreich. Das Tablett ist bis auf die Griffe aus Makassar-Holz völlig verrottet, doch Gläser wie Karaffe sind makellos.
    Total eingestaubt: Die Art Deco Karaffe mit acht passenden Gläser fand ich bei einem der typischen Vide Greniers in Frankreich. Das Tablett ist bis auf die Griffe aus Makassar-Holz völlig verrottet, doch Gläser wie Karaffe sind makellos.

    Dinge, die Geschichte atmen

    Mit vierzehn fand ich diesen Krempel kurzzeitig doof, aber die Suchende war in mir. Nur deshalb nahm ich ein paar Jahre später das Schild trotz der Ablenkung durch meine Freunde war. Zwei Tage später stand ich Punkt 10:00 Uhr vor der noch geschlossenen Tür des Trödler. Eine sehenswert ausladende Dame in grün geblümter Kittelschürze öffnete recht mürrisch die Tür. „So früh kommt sonst keiner.“ Wie ein Aal schlängelte ich mich an ihr vorbei. Darf ich? Ja sicha! Sie war froh, dass ich sie nicht mit Wünschen belästigte, sondern sofort in den Katakomben verschwand. Schrott, Schrott, Schrott! Alte Waschmaschinen, Plastikgedöns, kreischend bunte Geschirre von der Omma, die wohl nicht ohne Grund dort veräußert wurden. Viel 50er (heute wieder hip aber für mich total uninteressant), 60er, 80er Gruseligkeiten. Ganz kurz blieb mein Blick an einem Satz Weingläser hängen. Ne, neu. Gedanklich hakte ich den Laden schon ab, als ich oben auf einem potthässlichen Küchenbord das vollkommen nutzlose Gefäß entdeckte, an dem mein Herz nun schon so lange hängt. Vorsichtig hob ich es vom Schrank. Kein Silber, nicht wertvoll aber sehr schön. Jugendstil? Art Deko?

    Art Deco? Damals habe ich zehn Mark für den Pott bezahlt und dann fluchtartig den Laden verlassen, weil ich Angst hatte, dass die Händlerin zur Besinnung kommen könnte.
    Art Deco? Damals habe ich zehn Mark für den Pott bezahlt und dann fluchtartig den Laden verlassen, weil ich Angst hatte, dass die Händlerin zur Besinnung kommen könnte.

    Nen Zehner für ’ne Nutzlosigkeit

    Ich nahm den Deckel herunter, zog den großen Glaszylinder heraus und drehte ihn auf den Kopf. Altes Glas erkennt man an einer Abrisskante am Boden und an kleinen Blasen, die hin und wieder bei der Herstellung eingeschlossen wurden. Es war ein Wunder, dass dieses Gefäß vermutlich gleich zwei Weltkriege überlebt hatte. Ich schleppte meinen Fund an die Kasse und fragte die ausladenden Dame in erlernt teilnahmsloser Manier, so als wollte ich ihr einen Gefallen tun, indem ich den Plunder endlich wegschaffe: „Was soll das Ding kosten?“ Sie glotzte versonnen: „Ach, geben se mir ’nen Zehner!“ Ok. Die Dame machte nicht den Eindruck, als könnte sie beurteilen, was sie verkaufte. Aber man weiß ja nie. Ich haute ihr den Zehner auf den Tisch und flüchtete mit der Angst im Nacken, sie könnte doch noch zur Besinnung kommen. Seitdem steht dieses Gefäß hier. Aus der heute vollkommen nutzlosen Bowle boten in den 1910er oder vielleicht 20er Jahren mittelwohlhabende Menschen ihren Gästen starkstromige Gebräue an. Mit echtem Waldmeister.

    Solche Funde machen Spaß. Sie fragen, wie die Menschen wohl tickten, die vor langer, politisch sehr unruhigen Zeit ein Glas oder eine silberne Gabel zum Mund führten oder aus genau dieser Bowle ihren Drink schöpften. Doch die echten Kleinodien beflügeln nicht nur die Phantasie. Sie erinnern.

    Diese dicken Pinsel gehörten meinem Vater, der im letzten Jahr gestorben ist. Sie bündeln seine Persönlichkeit.
    Diese dicken Pinsel gehörten meinem Vater, der im letzten Jahr gestorben ist. Sie bündeln seine Persönlichkeit.

    Gebündelte Erinnerungen

    Wie die dicken Pinsel meines Vaters, die ich nach seinem Tod beim Aufräumen seines großen Atelier gefunden habe. Jemand, der ihn nicht kannte, hätte diese Pinsel unbeachtet in den Müll geworfen. Für mich sind sie selbst kleine Kunstwerke.

    Die Lithografie des belgischen Malers Herman Jean Joseph Richir vor der die Pinsel meines Vaters stehen, gehört ebenfalls in den engen Zirkel der Stücke, ohne die ich mir mein Leben nicht vorstellen kann. La Modèle von 1895 war immer da. Schon in meiner Kindheit begrüßte ich jeden Morgen die schöne Dame, die meine Eltern wohl in den 70ern in Frankreich aufgegabelt hatten.

    Ihr gegenüber steht Julius. Die Herkunft des afrikanischen Herren aus schwerem Tropenholz kann ich nicht zurückverfolgen. Er kommt irgendwie aus dem Off. Ganz sicher ist er nicht wertvoll, aber er ist eben Julius, dessen geschorenen Kopf ich immer besonders vorsichtig abstaube. Wer weiß schon, wie er richtig heißt und welche Geister in ihm wohnen.

    Und der Haifisch, der hat Zähne

    Es gibt das Gebiss eines Zitronenhais, das ich vor rund zwanzig Jahren im Muséum du Coquillage in Les Sables d’Olonne erstanden habe. Es gibt einen alten Austernhandschuh, der niemandem von uns passt, weil die Leute früher viel kleiner Hände hatten. Es gibt das alte Opernfernglas, das mich immer anschaut wie der Roboter aus „Nr.5 lebt!“ Die Canon AE 1 war zu ihre Zeit das Highend.

    Wenn ich mich also entscheiden müsste, würde dieses Sammelsurium immer mit mir reisen. Egal wohin. Und die Dose mit den Milchzähnen unseres Sohnes und eine alte Fayence und ein kleines Behältnis aus Bakelit, dessen Farben an den Panzer einer Schmuckschildkröte erinnern. Ich könnte auf vieles Verzichten, aber nicht auf meine kleinen Nutzlosigkeiten.

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  • Last Of The Season Cup 2018

    Last Of The Season Cup 2018

    Mit dem Last Of The Season Cup feiert der Rhein Polo Club Düsseldorf e.V. jährlich das letzte Turnier der Saison. Im Rahmen seiner 2018er Version am Wochenende ließ es der Club richtig krachen. Profis wie Mickey Duggan und Christobal Durrieu brachten Handycap +4 mit, die Veranstalter eine beschattete Lounge, weiße Zelte und eine wirklich tolle Atmosphäre. Drei Tage Polo-Party! Ich war am Sonntag zu den Finals da.

    Polo ist ein Kampfsport

    Polo ist ein Kampfsport. Das erwähnte ich wohl schon. Natürlich braucht es ein dickes finanzielles Polster, um ihn ausüben zu können, doch etepetete dürfen Spielerinnen und Spieler ganz sicher nicht sein. Über abgebrochene Fingernägel macht sich hier niemand Gedanken. Viel mehr geht es auf dem Feld nicht selten um ausgeschlagene Zähne, Rippenbrüche und Gehirnerschütterungen. Zwar schützen strenge Regeln Pferde und Player, aber dieser Sport ist und bleibt hart und unglaublich schnell. Das macht seine Faszination aus. Und deswegen bin ich so gerne dabei.

    Oft gemeinsam mit meinem netten Kollegen Joss Wehrmann sitze ich an einem mehr oder weniger sicheren Ort auf der Wiese und konzentriere mich auf die Spiele. Am Treiben in und an den Zelten, also am gesellschaftlichen Leben nehme ich nur selten, vielleicht für ein paar Minuten in den Pausen teil. Es ist schließlich genug zu fotografieren, wenn vier Teams um die Platzierungen kämpfen.

    Drei Sterne für die Begleitung

    Allerdings muss ich gestehen, dass der Last Of The Season Cup 2018 Sonntagsarbeit der feinsten Art war. Ein frischer Weißwein und Panini von Sternekoch Philipp Eberhard könnten an einem solchen Tag keine bessere Begleitung sein. Und natürlich Joss, der immer ein Mikrofasertuch für die Optik zur Hand und eine lustige Geschichte auf Lager hat.

    THE VOICE OF POLO: In seinem Amt als Moderator des Turniers hielt Jan Erik-Franck das Publikum bei Laune. Dieses Foto ist nicht von mir, sondern von meinem allerliebsten Kollegen Joss Wehrmann. Vielen Dank dafür!
    THE VOICE OF POLO: In seinem Amt als Moderator des Turniers hielt Jan Erik-Franck das Publikum bei Laune. Dieses Foto ist nicht von mir, sondern von meinem allerliebsten Kollegen Joss Wehrmann. Vielen Dank dafür!

    Das Publikum war zahlreich, Wetter und Stimmung bombig. Jan Erik-Franck, The Voice Of Polo, heizte das Publikum an, wie noch vor kurzen bei der German Polo Tour auf dem Nachbarplatz. Ich kam nicht umhin, ihn mit Tom zu vergleichen, wenn er z.B. Schloss Dyck moderiert. Fachwissen ist die Grundausstattung, Charisma ein unverzichtbares Zückerchen. Jan macht das wirklich gut. Schwere Stürze wird er in seiner Laufbahn schon oft erlebt haben. Als am Sonntag im Match um den dritten Platz eine Spielerin direkt vor meinen Augen sehr unglücklich von ihrem Pferd fiel, bewahrte Jan die Ruhe. Ich nicht. Ich musste mein schweres Gerät weglegen und erst einmal durchatmen.

    Um mich herum ging alles sehr flott. Die Spielerin wurde professionell versorgt und in die nächste Klinik gebracht. Nur ein paar blaue Flecken blieben ihr von einem Sturz, der mich in den ersten Sekunden wirklich geschockt hat. Glück gehabt.

    Voll Speed an der Bar vorbei. Beim Polo sollte man unbedingt die Sicherheitszonen respektieren. Alle Action-Bilder habe ich mit der Canon EOS 1D X Mark II und dem Canon EF 300mm 1:2,8L IS II USM gemacht.
    Voll Speed an der Bar vorbei. Beim Polo sollte man unbedingt die Sicherheitszonen respektieren. Alle Action-Bilder habe ich mit der Canon EOS 1D X Mark II und dem Canon EF 300mm 1:2,8L IS II USM gemacht.

    Später holte es noch einen echten Profi aus dem Sattel, als ihn ein Pferd des gegnerischen Teams rammte. Ein angeschnittener Ball flog später bis hinten in die Bar. Faustgroß gefertigter, massiver Kunststoff schlägt mit 100 Stundenkilometern alles kaputt. Da sollte man besser den Kopf einziehen.

    Taktgefühl und Standesehre

    Der Last Of The Season Cup 2018 war ein rundherum gelungenes und tolles Event. Allerdings muss ich noch ein paar Worte über die Standesehre des Fotografen an sich verlieren. Während mein lieber Kollege Joss und ich beim Abschirmen der Unfallstelle halfen, gab es solche, die die kurzzeitig bewusstlose Spielerin wahlweise ganz offen mit dem Handy filmten oder vermeintlich unerkannt mit einem Zoom fotografierten. Schaulustige ohne Taktgefühl gibt es immer und überall. Doch solche, die zwar nichts können, sich aber Profis nennen, schlichen sich an und versuchten, die Rettungsmaßnahmen abzuschießen. Pfui Spinne! Wie armselig kann man eigentlich sein? Daraufhin angesprochen, kam von einem Subjekt, dessen Beschreibung ich jedem Leser ersparen möchte, ein dünne Ausrede: „Ja, ne! Die Bilder veröffentliche ich ja nicht!“ Wie jetzt? Machst du die für deinen privaten Giftschrank? Ekelhaft!

    Ich beschränke mich nun auf ein paar meiner liebsten Bilder vom Last Of The Season Cup 2018. Die Auswahl ist mir schwer gefallen, doch mehr würde hier den Rahmen sprengen. Vielen Dank, dass ich wieder dabei sein durfte. Der Tag war ein Erlebnis.

    Please respect the copyright. Do not copy or download. If you are interested, please contact me. 

    PS: Ich habe aus gutem Grund Juan Correa für den Titel gewählt. Er ist ein extrem eleganter Spieler, der mich immer wieder begeistert.

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