Ich schaue sie an und muss lächeln. Sie mögen objektiv betrachtet keinen großen Wert haben, aber ich würde mich niemals von ihnen trennen. Sie sind Dinge, die Geschichten erzählen. Manche von ihnen sogar mehrere.
Jeder Mensch auf der Welt besitzt irgendein Kleinod. Es ist so sehr mit Erinnerungen aufgeladen ist, dass er sich niemals von ihm trennen würde. Ein Schmuckstück, ein Foto, ein Möbel, ein Spielzeug, eine kleine Eintrittskarte oder einen Song. Ich persönlich hüte ein paar mehr solcher Dinge, die ich zur Not auch barfuß durch die Wüste schleppen würde. Trennung? Undenkbar!

Jeder hat ein Kleinod
Diese riesige Art Deco Bowle zum Bespiel erzählt mir Bände, jedes Mal wenn ich sie anschaue. Ich war Studentin, hatte mit Freunden eine Nacht in einem bekannten Club verbracht und zog nun mit ihnen zu einem türkischen Imbiss. Dieser kleine Laden lag neben einer Eisenbahnbrücke im Bochumer Rotlichtviertel und hatte rund um die Uhr die leckersten, frischesten Köstlichkeiten anzubieten. Auf dem Weg dorthin bemerkt ich an einer heruntergekommenen Altbauzeile ein Schild, das zuvor nicht da war: Trödelhalle im Hinterhof. Diese selektive Wahrnehmung muss erlernt oder gar genetisch sein, denn meine Eltern haben mich von klein auf regelmäßig auf solche Märkte und in Läden dieser Art mitgeschleppt. Sie zeigten mir ganz nebenbei, wie ich altes Glas von neuem unterscheide, wie ich Formen, Gestaltungsmerkmale und Materialien zeitlich einsortieren muss. Niemals werde ich den Geruch von Staub, Möbelpolitur und altem Silber vergessen, der mich in den düsteren Antiquitätenläden einhüllte wie eine dicke, weiche Decke.

Dinge, die Geschichte atmen
Mit vierzehn fand ich diesen Krempel kurzzeitig doof, aber die Suchende war in mir. Nur deshalb nahm ich ein paar Jahre später das Schild trotz der Ablenkung durch meine Freunde war. Zwei Tage später stand ich Punkt 10:00 Uhr vor der noch geschlossenen Tür des Trödler. Eine sehenswert ausladende Dame in grün geblümter Kittelschürze öffnete recht mürrisch die Tür. „So früh kommt sonst keiner.“ Wie ein Aal schlängelte ich mich an ihr vorbei. Darf ich? Ja sicha! Sie war froh, dass ich sie nicht mit Wünschen belästigte, sondern sofort in den Katakomben verschwand. Schrott, Schrott, Schrott! Alte Waschmaschinen, Plastikgedöns, kreischend bunte Geschirre von der Omma, die wohl nicht ohne Grund dort veräußert wurden. Viel 50er (heute wieder hip aber für mich total uninteressant), 60er, 80er Gruseligkeiten. Ganz kurz blieb mein Blick an einem Satz Weingläser hängen. Ne, neu. Gedanklich hakte ich den Laden schon ab, als ich oben auf einem potthässlichen Küchenbord das vollkommen nutzlose Gefäß entdeckte, an dem mein Herz nun schon so lange hängt. Vorsichtig hob ich es vom Schrank. Kein Silber, nicht wertvoll aber sehr schön. Jugendstil? Art Deko?

Nen Zehner für ’ne Nutzlosigkeit
Ich nahm den Deckel herunter, zog den großen Glaszylinder heraus und drehte ihn auf den Kopf. Altes Glas erkennt man an einer Abrisskante am Boden und an kleinen Blasen, die hin und wieder bei der Herstellung eingeschlossen wurden. Es war ein Wunder, dass dieses Gefäß vermutlich gleich zwei Weltkriege überlebt hatte. Ich schleppte meinen Fund an die Kasse und fragte die ausladenden Dame in erlernt teilnahmsloser Manier, so als wollte ich ihr einen Gefallen tun, indem ich den Plunder endlich wegschaffe: „Was soll das Ding kosten?“ Sie glotzte versonnen: „Ach, geben se mir ’nen Zehner!“ Ok. Die Dame machte nicht den Eindruck, als könnte sie beurteilen, was sie verkaufte. Aber man weiß ja nie. Ich haute ihr den Zehner auf den Tisch und flüchtete mit der Angst im Nacken, sie könnte doch noch zur Besinnung kommen. Seitdem steht dieses Gefäß hier. Aus der heute vollkommen nutzlosen Bowle boten in den 1910er oder vielleicht 20er Jahren mittelwohlhabende Menschen ihren Gästen starkstromige Gebräue an. Mit echtem Waldmeister.
Solche Funde machen Spaß. Sie fragen, wie die Menschen wohl tickten, die vor langer, politisch sehr unruhigen Zeit ein Glas oder eine silberne Gabel zum Mund führten oder aus genau dieser Bowle ihren Drink schöpften. Doch die echten Kleinodien beflügeln nicht nur die Phantasie. Sie erinnern.

Gebündelte Erinnerungen
Wie die dicken Pinsel meines Vaters, die ich nach seinem Tod beim Aufräumen seines großen Atelier gefunden habe. Jemand, der ihn nicht kannte, hätte diese Pinsel unbeachtet in den Müll geworfen. Für mich sind sie selbst kleine Kunstwerke.
Die Lithografie des belgischen Malers Herman Jean Joseph Richir vor der die Pinsel meines Vaters stehen, gehört ebenfalls in den engen Zirkel der Stücke, ohne die ich mir mein Leben nicht vorstellen kann. La Modèle von 1895 war immer da. Schon in meiner Kindheit begrüßte ich jeden Morgen die schöne Dame, die meine Eltern wohl in den 70ern in Frankreich aufgegabelt hatten.
Ihr gegenüber steht Julius. Die Herkunft des afrikanischen Herren aus schwerem Tropenholz kann ich nicht zurückverfolgen. Er kommt irgendwie aus dem Off. Ganz sicher ist er nicht wertvoll, aber er ist eben Julius, dessen geschorenen Kopf ich immer besonders vorsichtig abstaube. Wer weiß schon, wie er richtig heißt und welche Geister in ihm wohnen.
Und der Haifisch, der hat Zähne
Es gibt das Gebiss eines Zitronenhais, das ich vor rund zwanzig Jahren im Muséum du Coquillage in Les Sables d’Olonne erstanden habe. Es gibt einen alten Austernhandschuh, der niemandem von uns passt, weil die Leute früher viel kleiner Hände hatten. Es gibt das alte Opernfernglas, das mich immer anschaut wie der Roboter aus „Nr.5 lebt!“ Die Canon AE 1 war zu ihre Zeit das Highend.
Wenn ich mich also entscheiden müsste, würde dieses Sammelsurium immer mit mir reisen. Egal wohin. Und die Dose mit den Milchzähnen unseres Sohnes und eine alte Fayence und ein kleines Behältnis aus Bakelit, dessen Farben an den Panzer einer Schmuckschildkröte erinnern. Ich könnte auf vieles Verzichten, aber nicht auf meine kleinen Nutzlosigkeiten.

























































