Ist das bitte eine Scheiße? Ich muss so drastisch werden, denn nur darum geht es. Ich, also wir, haben immer Tüten dabei. Immer, immer, immer! Ich hasse es nämlich, wenn faule Säcke die Haufen ihrer Hunde liegen lassen und ich dann beim Entfernen der Hinterlassenschaften meiner Hunde mit Schmackes in die der faulen Säcke hineintrete. Ich hasse es. Deshalb habe ich immer Tüten dabei.
Eine Rolle Frühstückbeutel bei Aldi 49,- Cent. Davon kaufen wir immer gleich drei, damit wir nicht plötzlich ohne dastehen. Die kleine Küchenschublade ist also voll mit den Dingern. In meinen Jacken, Mänteln und Taschen findet sich immer irgendwo eine, denn meist stecke ich zu viele ein. Nur zur Sicherheit.
Hast du keine Tüte, dann hast du keine Tüte!
Gestern musste ich flott los. Jacke, Tasche, Leinen, ab die Post durch unseren Park kurz in die Stadt. Für Danny ist es eine gute Übung und Mono will sowieso immer mit. Wir trabten also durch unseren Sprengel und kamen zu dem antiseptisch geharkten, gefegten und desinfizierten Beet der Kittelschürzenmatrone, die immer ganz zufällig aus einem ihrer gewienerten Fenster hängt. Ihr städtisches Beet umringt nach wie vor einen städtischen Baum, der dem Pfingststurm tatsächlich trotzen konnte.
Mono ist keine Exibitionist. Ganz im Gegenteil, er ist ein Diskretkacker, der sich wo er kann zurückzieht. Doch er ist auch stur. Und ich weiß nicht, warum er sich immer ausgerechnet dieses Beet aussucht, um seine Geschäfte zu erledigen. Aber wir sind unangreifbar. Ich habe schließlich immer Tüten. Unter den Augen der Kittelschürzenmatrone hockte er sich also hin. Ich hörte genau, wie sie die Luft einsog, um sich eine Ermahnung durch die schmalen Lippen zu pressen. Aber ich blieb locker und lies meine Hand lässig in meine Tasche gleiten. In ihren Tiefen tastete ich ein wenig herum. Nichts. Keine Tüte. Und ich wusste genau, dass in meinen Jackentaschen definitiv und ganz sicher auch keine Tüte versteckt war.
Feinripp-Heinz mit Schrotflinte
„Uuuund?“, kam es gehässig von schräg oben, „Machen sie datt jetzt mal weg?“ Ich überlegte kurz, ob es passend wäre, frech zu werden, aber ich entschied mich dagegen. „Aber sicher doch, ich suche gerade eine Tüte.“ Das schindet Zeit dachte ich, denn ich wusste genau, dass ich keine hatte. „Heeiiiinz! Da iss wieder die Frau mit den dünnen Hunden. Der eine hat in unser Beet geschissen. Heeiiinz!“ Oh nein, bitte nicht auch noch Feinripp-Heinz. Heinz kam. Und Heinz hatte ein stocksteif gebügeltes Oberhemd an. Ich staunte und dann ruschte es mir doch ‚raus: „Iss nicht war! Sie haben ja ein Hemd an. Dürfen sie heute vor die Tür gehen?“ Heinz drehte sich auf dem Absatz um und verschwand wieder in den vermutlich mit Altdeutscher Eiche bis zum Anschlag vorgestellten Gemächern.
Ich war sicher, dass ihn die Butzenscheibenhaustür jeden Moment ausspucken würde. Er würde mir eine Schrotflinte unter die Nase halten um sicher zu stellen, dass das klinisch reine Beet seiner Gemahnlinsgattin auch klinisch rein bliebt. Doch dann tauchte er wieder am Fenster auf. Sie fing an zu keifen:“Machen se datt jetzt weg, sonst hole ich die Polizei!“ „Gute Frau, meinen sie nicht, die haben Besseres zu tun?“
Gina Lollobrigida für Arme
Ich war eindeutig in der schlechteren Position. Ich, die nie etwas liegen lässt. Ich, die immer Tüten hat, muss sich jetzt vor dieser Furie rechtfertigen. Ich schäumte innerlich fast über und sah nur eine einzige Chance, aufrecht aus der Nummer herauszukommen: „Können sie mir wohl eine Tüte borgen? Ich habe eben meine letzte verbraucht.“ Stille! (wie in Spiel mir das Lied vom Tod mit Grillengezirpe im Hintergrund) Heinz starrte mich an. Die Matrone hyperventilierte und verschwand vom Fenster. Die Haustür sprang auf. Die blasslila Kittelschürze wehte im Herbstwind. In der rechten Hand trug sie eine eiserne Schüppe, an den Füßen lila Pantoletten mit Ponpons ‚drauf. Gina Lollobrigida für Arme, dachte ich und unterdrückte den nahenden Schreikrampf.
„Ich sach ihnen eins: Datt kommt mir nicht nochma vor. Hörn se!“ War das die Spur eines Lächelns auf ihrem Gesicht? Nein, unmöglich. „Ach, sie kennen mich doch!“, faselte ich leutselig. Die Kittelschürze bückte sich und scheppte Monos Haufen auf. Dann schaute sie mich an: „Wissen se, ich sag meinen Heinz auch immer, er soll sich watt anziehen. Aber er hört nich auf mich. Gleich müssen wir auf’n Friedhof Tante Käthe gießen. Da macht er sich immer fein.“
Ich sagte Danke und verabschiedete mich artig. Sollte unter der Kittelschürze tatsächlich ein echtes, lebendiges Herz stecken? Nein! Oder doch?



