Es gibt immer ein Happy-End. Im heute kalten und grauen Februar ist das nur schwer zu glauben, aber zumindest von der großen Bühne des Aalto Balletts herab erzählt man uns das glaubhaft. Auf watteweichen Flügeln hebt uns Ben Van Cauwenbergs Schwanensee aus dem Alltag in eine Welt, in der Gut noch gut und Böse noch böse ist.
Der Kleinmädchentraum
Das Titelbild ist wohl der Inbegriff eines Kleinmädchentraums. Tausende von heranwachsenden Ballerinen trainieren sich täglich ihre zarten Füße blutig, um nur ein einziges Mal in ihrem Leben einen der vier kleinen Schwäne in „Schwanensee“ tanzen zu dürfen. Das war so und das wird vermutlich immer so sein. Denn der Ballettklassiker hat offenbar eine Kraft, die die Generationen überdauert.

Zwei Tage vor der Premiere von Ben Van Cauwenbergs „Schwanensee“ durfte ich bei der Orchesterprobe im Aalto Ballett dabei sein. Natürlich hatte ich meine Erfahrungen von 3 BY EKMAN im Gepäck. Ich musste trotzdem auf Null zurück, da ich den Ablauf des Balletts natürlich nicht kannte. Klassisch, sehr klassisch! Das wusste ich.
Ich hatte mir vorgenommen, sowohl mit kurzen als auch mit sehr langen Belichtungszeiten zu arbeiten. Bei der Durchsicht der Fotos stellte ich hinterher fest, dass mich die kurzen zunehmend langweilen. Deshalb gibt es hier keinen schwarzen Schwan. Und deshalb habe ich sehr gezielt nur ein paar Fotos herausgesucht, die in etwa so geworden sind, wie ich sie mir vorgestellt habe.

Liebesqualen und Schweißperlen
Bis auf ein paar wenige Ausnahmen hält sich der Essener Balletintendant Ben Van Cauwenberg an die über hundert Jahre alte Petipa-Choreographie. Daraus ergibt sich eine Menge: Tschaikowskis Musik ist breit und getragen, viele Sequenzen sind deshalb sehr langsam. Für moderne Begriffe zumindest. Doch jeder, der intensiv Sport betreibt weiß, wie unglaublich anstrengend gerade die langsamen Bewegungen sein können. In der Pause kam mir Solotänzer Liam Blair am Eingang der Kantine entgegen. Er war bis auf die Knochen durchgeschwitzt und hatte noch zwei Akte vor sich.
Mika Yoneyama hat gleich zwei Parts zu tanzen. Meine Güte, was hat sie in der Rolle des weißen Schwans Liebesqualen gelitten, um dann ein paar Minuten später den mokanten, provokanten Blick des schwarzen Schwans ins Publikum zu beamen. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie gut die Tänzer bei dieser enormen Anstrengung ihren Gesichtsausdruck im Griff haben.

Schwanensee – perfekte geschnittene Schablonen
Im klassischen Ballett gibt es eine große Anzahl von Standards, die jeder Tänzer beherrschen muss. Das ist sein Repertoire, wie das eines Sängers oder eines Orchestermusikers. Dieser Schwanensee enthält wohl jeden einzelnen davon. Er fügt sich aus Schablonen zusammen, die der vor fast genau 200 Jahren geborene Marius Petipa geschnitten hat. Zeitgemäß ist das ganz sicher nicht, aber für viele Zuschauer immer wieder schön. Die Mädchengruppen im Probenpublikum haben zumindest gejohlt und getrommelt. Schließlich hat Siegfried endlich seine Odette bekommen, auch wenn alles nur ein Traum war.
Die Tänzer haben meinen höchsten Respekt, insbesondere Liam Blair, den ich schon mehrfach auf der Bühne und beim Training fotografiert habe. Meinen Geschmack hat dieser Schwanensee allerdings nicht ganz getroffen. Seit Tagen versuche ich herauszukriegen warum. Ich betrachte die Fotos und mag sie, aber nur zu ganz wenigen habe ich eine enge Bindung. Bei vielen weiteren fehlt mir diese typische Panik eines Fotografen, der ein Foto hegen und pflegen, doppelt sichern und für immer bewahren möchte. Ich war nicht konsequent genug. Das wird der Grund sein.
Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Intendanz des Aalto Balletts, dass ich wieder dabei sein durfte. Es ist immer wieder ein Erlebnis, an der Bühne zu fotografieren.
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