Die vier kleinen Schwäne in "Schwanensee" von Ben Van Cauwenberg im Aalto Ballet Essen
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Schwanensee – Die große Pose von damals

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Es gibt immer ein Happy-End. Im heute kalten und grauen Februar ist das nur schwer zu glauben, aber zumindest von der großen Bühne des Aalto Balletts herab erzählt man uns das glaubhaft. Auf watteweichen Flügeln hebt uns Ben Van Cauwenbergs Schwanensee aus dem Alltag in eine Welt, in der Gut noch gut und Böse noch böse ist.

Der Kleinmädchentraum

Das Titelbild ist wohl der Inbegriff eines Kleinmädchentraums. Tausende von heranwachsenden Ballerinen trainieren sich täglich ihre zarten Füße blutig, um nur ein einziges Mal in ihrem Leben einen der vier kleinen Schwäne in „Schwanensee“ tanzen zu dürfen. Das war so und das wird vermutlich immer so sein. Denn der Ballettklassiker hat offenbar eine Kraft, die die Generationen überdauert.

Im ersten Akt von "Schwanensee" feiert Prinz Siegfried mit seinen Freunden seinen 21. Geburtstag. Dieses Foto gehört in eine Serie, die mir persönlich sehr, sehr gut gefällt.

Im ersten Akt von „Schwanensee“ feiert Prinz Siegfried mit seinen Freunden seinen 21. Geburtstag. Dieses Foto gehört in eine Serie, die mir persönlich sehr, sehr gut gefällt, die ich aber ob der strengen Regeln des klassischen Balletts nicht veröffentlichen darf. Mir blutet das Herz!

Zwei Tage vor der Premiere von Ben Van Cauwenbergs „Schwanensee“ durfte ich bei der Orchesterprobe im Aalto Ballett dabei sein. Natürlich hatte ich meine Erfahrungen von 3 BY EKMAN im Gepäck. Ich musste trotzdem auf Null zurück, da ich den Ablauf des Balletts natürlich nicht kannte. Klassisch, sehr klassisch! Das wusste ich.

Ich hatte mir vorgenommen, sowohl mit kurzen als auch mit sehr langen Belichtungszeiten zu arbeiten. Bei der Durchsicht der Fotos stellte ich hinterher fest, dass mich die kurzen zunehmend langweilen. Deshalb gibt es hier keinen schwarzen Schwan. Und deshalb habe ich sehr gezielt nur ein paar Fotos herausgesucht, die in etwa so geworden sind, wie ich sie mir vorgestellt habe.

Yehor Hordiyenko in "Schwanensee" von Ben Van Cauwenberg im Aalto Ballett Essen. Ich mag den starken Farbkontrast sehr.

Yehor Hordiyenko im Sprung – Farbe, Farbe, Farbe! Canon 1D X Mark II, Canon EF 70-200 1:2,8L IS II USM

Liebesqualen und Schweißperlen

Bis auf ein paar wenige Ausnahmen hält sich der Essener Balletintendant Ben Van Cauwenberg an die über hundert Jahre alte Petipa-Choreographie. Daraus ergibt sich eine Menge: Tschaikowskis Musik ist breit und getragen, viele Sequenzen sind deshalb sehr langsam. Für moderne Begriffe zumindest. Doch jeder, der intensiv Sport betreibt weiß, wie unglaublich anstrengend gerade die langsamen Bewegungen sein können. In der Pause kam mir Solotänzer Liam Blair am Eingang der Kantine entgegen. Er war bis auf die Knochen durchgeschwitzt und hatte noch zwei Akte vor sich.

Mika Yoneyama hat gleich zwei Parts zu tanzen. Meine Güte, was hat sie in der Rolle des weißen Schwans Liebesqualen gelitten, um dann ein paar Minuten später den mokanten, provokanten Blick des schwarzen Schwans ins Publikum zu beamen. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie gut die Tänzer bei dieser enormen Anstrengung ihren Gesichtsausdruck im Griff haben.

Moisés Léon Noriega in der Rolle des bösen Zauberers Rotbart in Ben Van Cauwenbergs Inszenierung von Schwanensee im Aalto Ballett Essen.

Moisés Léon Noriega in der Rolle des bösen Zauberers Rotbart. Das ist eines meiner Lieblingsfotos, das ich sofort doppelt gesichert habe. Canon 1D X Mark II, Canon EF 70-200 1:2,8L IS II USM

Schwanensee – perfekte geschnittene Schablonen

Im klassischen Ballett gibt es eine große Anzahl von Standards, die jeder Tänzer beherrschen muss. Das ist sein Repertoire, wie das eines Sängers oder eines Orchestermusikers. Dieser Schwanensee enthält wohl jeden einzelnen davon. Er fügt sich aus Schablonen zusammen, die der vor fast genau 200 Jahren geborene Marius Petipa geschnitten hat. Zeitgemäß ist das ganz sicher nicht, aber für viele Zuschauer immer wieder schön. Die Mädchengruppen im Probenpublikum haben zumindest gejohlt und getrommelt. Schließlich hat Siegfried endlich seine Odette bekommen, auch wenn alles nur ein Traum war.

Die Tänzer haben meinen höchsten Respekt, insbesondere Liam Blair, den ich schon mehrfach auf der Bühne und beim Training fotografiert habe. Meinen Geschmack hat dieser Schwanensee allerdings nicht ganz getroffen. Seit Tagen versuche ich herauszukriegen warum. Ich betrachte die Fotos und mag sie, aber nur zu ganz wenigen habe ich eine enge Bindung. Bei vielen weiteren fehlt mir diese typische Panik eines Fotografen, der ein Foto hegen und pflegen, doppelt sichern und für immer bewahren möchte. Ich war nicht konsequent genug. Das wird der Grund sein.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Intendanz des Aalto Balletts, dass ich wieder dabei sein durfte. Es ist immer wieder ein Erlebnis, an der Bühne zu fotografieren.

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3 Kommentare

  1. Liebe Karla!

    Auf einer Skala von 1 (unbedeutend) bis 10 (sehr interessant) steht Ballett bei mir bei gefühlten minus 100. Und dann lese ich Deinen kleinen Artikel und bin fasziniert. Mir fehlen grad selber ein wenig die Worte dafür. Offensichtlich schaffst Du es mit Deinem wirklich lesenswerten Hintergrundbericht ein paar Türchen zu öffnen. Ich werde jetzt ganz sicher nicht zu einem Ballett- Fan. Aber zumindest werde ich das Ballett zukünftig mit anderen Augen sehen.

    Die Fotos erscheinen mir ehrlich gesagt ebenso gut wie die von 3 BY EKMAN. Vielleicht liegt hier ja aber auch das eigentliche „Problem“ das du beschreibst.
    Ich selber bin ja „nur“ hobbymäßig mit der Kamera unterwegs. „Nur“ deswegen, weil es eine Tätigkeit ist die ich extrem gerne ausübe, jede Gelegenheit dafür nutze, dabei aber einen Hang zur Perfektion entwickle der mir manchmal schon schlechte Laune macht. Eigentlich hasse ich so Sprüche wie „Stillstand = Rückschritt“, aber es umschreibt die Sache trotzdem ganz gut. Meine aus meiner Sicht exzellenten Fotos aus der letzten Woche sind heute mein Standard. Und wenn ich auf diesen Standard heute wegen was auch immer nicht noch etwas draufsetzen kann, dann werde ich echt piefig. Zum Glück habe ich aber in meinem Umfeld ein paar wirklich tolle Menschen, die mir dann einen Vogel zeigen und mich auf diese Art und Weise wieder etwas runterholen. Das ändert nichts an meinem Anspruch, aber ich weiß zumindest, dass es nicht ganz so schlimm ist wie es sich anfühlt.

    Also, lange Rede, kurzer Sinn. Ich finde diese Fotos wieder einmal wirklich, wirklich grandios!

    LG Wolfhart

    • Lieber Wolfhart,

      du triffst den Punkt. In Situationen wie dieser stehe ich mir mit meinem Perfektionismus selber im Wege. Dann brauche ich den Blick von außen, der mal ganz entspannt drauf guckt.

      Ich freue mich, dass ich eine Tür geöffnet habe. Immerhin. 🙂 Und vielen Dank für dein Lob. Es baut mich auf nachdem ich über Tage in Selbstzweifeln geschwommen bin.

      Liebe und entspannte Grüße
      Karla

  2. Pingback: Ballett intensiv - Ein Workshop der Canon Academy - Doctor Speed

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