Nicht ohne meine Nutzlosigkeiten!
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Nicht ohne meine Nutzlosigkeiten!

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Ich schaue sie an und muss lächeln. Sie mögen objektiv betrachtet keinen großen Wert haben, aber ich würde mich niemals von ihnen trennen. Sie sind Dinge, die Geschichten erzählen. Manche von ihnen sogar mehrere.

Jeder Mensch auf der Welt besitzt irgendein Kleinod. Es ist so sehr mit Erinnerungen aufgeladen ist, dass er sich niemals von ihm trennen würde. Ein Schmuckstück, ein Foto, ein Möbel, ein Spielzeug, eine kleine Eintrittskarte oder einen Song. Ich persönlich hüte ein paar mehr solcher Dinge, die ich zur Not auch barfuß durch die Wüste schleppen würde. Trennung? Undenkbar!

Nicht ohne meine Nutzlosigkeiten! Im Rotlichviertel gefunden. Während meines Studiums fand ich bei einem Hinterhoftrödler dieses Bowlengefäß aus der Jugendstilzeit. Der riesige Glaskubus ist bis auf einen kleinen Gaps am Rand makellos. Leider fehlt der passende Löffel.

Im Rotlichviertel gefunden. Während meines Studiums fand ich bei einem Hinterhoftrödler dieses Bowlengefäß aus dem Art Deko. Der riesige Glaskubus ist bis auf einen kleinen Gaps am Rand makellos. Leider fehlt der passende Löffel.

Jeder hat ein Kleinod

Diese riesige Art Deco Bowle zum Bespiel erzählt mir Bände, jedes Mal wenn ich sie anschaue. Ich war Studentin, hatte mit Freunden eine Nacht in einem bekannten Club verbracht und zog nun mit ihnen zu einem türkischen Imbiss. Dieser kleine Laden lag neben einer Eisenbahnbrücke im Bochumer Rotlichtviertel und hatte rund um die Uhr die leckersten, frischesten Köstlichkeiten anzubieten. Auf dem Weg dorthin bemerkt ich an einer heruntergekommenen Altbauzeile ein Schild, das zuvor nicht da war: Trödelhalle im Hinterhof. Diese selektive Wahrnehmung muss erlernt oder gar genetisch sein, denn meine Eltern haben mich von klein auf regelmäßig auf solche Märkte und in Läden dieser Art mitgeschleppt. Sie zeigten mir ganz nebenbei, wie ich altes Glas von neuem unterscheide, wie ich Formen, Gestaltungsmerkmale und Materialien zeitlich einsortieren muss. Niemals werde ich den Geruch von Staub, Möbelpolitur und altem Silber vergessen, der mich in den düsteren Antiquitätenläden einhüllte wie eine dicke, weiche Decke.

Total eingestaubt: Die Art Deco Karaffe mit acht passenden Gläser fand ich bei einem der typischen Vide Greniers in Frankreich. Das Tablett ist bis auf die Griffe aus Makassar-Holz völlig verrottet, doch Gläser wie Karaffe sind makellos.

Total eingestaubt: Die Art Deco Karaffe mit acht passenden Gläser fand ich bei einem der typischen Vide Greniers in Frankreich. Das Tablett ist bis auf die Griffe aus Makassar-Holz völlig verrottet, doch Gläser wie Karaffe sind makellos.

Dinge, die Geschichte atmen

Mit vierzehn fand ich diesen Krempel kurzzeitig doof, aber die Suchende war in mir. Nur deshalb nahm ich ein paar Jahre später das Schild trotz der Ablenkung durch meine Freunde war. Zwei Tage später stand ich Punkt 10:00 Uhr vor der noch geschlossenen Tür des Trödler. Eine sehenswert ausladende Dame in grün geblümter Kittelschürze öffnete recht mürrisch die Tür. „So früh kommt sonst keiner.“ Wie ein Aal schlängelte ich mich an ihr vorbei. Darf ich? Ja sicha! Sie war froh, dass ich sie nicht mit Wünschen belästigte, sondern sofort in den Katakomben verschwand. Schrott, Schrott, Schrott! Alte Waschmaschinen, Plastikgedöns, kreischend bunte Geschirre von der Omma, die wohl nicht ohne Grund dort veräußert wurden. Viel 50er (heute wieder hip aber für mich total uninteressant), 60er, 80er Gruseligkeiten. Ganz kurz blieb mein Blick an einem Satz Weingläser hängen. Ne, neu. Gedanklich hakte ich den Laden schon ab, als ich oben auf einem potthässlichen Küchenbord das vollkommen nutzlose Gefäß entdeckte, an dem mein Herz nun schon so lange hängt. Vorsichtig hob ich es vom Schrank. Kein Silber, nicht wertvoll aber sehr schön. Jugendstil? Art Deko?

Art Deco? Damals habe ich zehn Mark für den Pott bezahlt und dann fluchtartig den Laden verlassen, weil ich Angst hatte, dass die Händlerin zur Besinnung kommen könnte.

Art Deco? Damals habe ich zehn Mark für den Pott bezahlt und dann fluchtartig den Laden verlassen, weil ich Angst hatte, dass die Händlerin zur Besinnung kommen könnte.

Nen Zehner für ’ne Nutzlosigkeit

Ich nahm den Deckel herunter, zog den großen Glaszylinder heraus und drehte ihn auf den Kopf. Altes Glas erkennt man an einer Abrisskante am Boden und an kleinen Blasen, die hin und wieder bei der Herstellung eingeschlossen wurden. Es war ein Wunder, dass dieses Gefäß vermutlich gleich zwei Weltkriege überlebt hatte. Ich schleppte meinen Fund an die Kasse und fragte die ausladenden Dame in erlernt teilnahmsloser Manier, so als wollte ich ihr einen Gefallen tun, indem ich den Plunder endlich wegschaffe: „Was soll das Ding kosten?“ Sie glotzte versonnen: „Ach, geben se mir ’nen Zehner!“ Ok. Die Dame machte nicht den Eindruck, als könnte sie beurteilen, was sie verkaufte. Aber man weiß ja nie. Ich haute ihr den Zehner auf den Tisch und flüchtete mit der Angst im Nacken, sie könnte doch noch zur Besinnung kommen. Seitdem steht dieses Gefäß hier. Aus der heute vollkommen nutzlosen Bowle boten in den 1910er oder vielleicht 20er Jahren mittelwohlhabende Menschen ihren Gästen starkstromige Gebräue an. Mit echtem Waldmeister.

Solche Funde machen Spaß. Sie fragen, wie die Menschen wohl tickten, die vor langer, politisch sehr unruhigen Zeit ein Glas oder eine silberne Gabel zum Mund führten oder aus genau dieser Bowle ihren Drink schöpften. Doch die echten Kleinodien beflügeln nicht nur die Phantasie. Sie erinnern.

Diese dicken Pinsel gehörten meinem Vater, der im letzten Jahr gestorben ist. Sie bündeln seine Persönlichkeit.

Diese dicken Pinsel gehörten meinem Vater, der im letzten Jahr gestorben ist. Sie bündeln seine Persönlichkeit.

Gebündelte Erinnerungen

Wie die dicken Pinsel meines Vaters, die ich nach seinem Tod beim Aufräumen seines großen Atelier gefunden habe. Jemand, der ihn nicht kannte, hätte diese Pinsel unbeachtet in den Müll geworfen. Für mich sind sie selbst kleine Kunstwerke.

Die Lithografie des belgischen Malers Herman Jean Joseph Richir vor der die Pinsel meines Vaters stehen, gehört ebenfalls in den engen Zirkel der Stücke, ohne die ich mir mein Leben nicht vorstellen kann. La Modèle von 1895 war immer da. Schon in meiner Kindheit begrüßte ich jeden Morgen die schöne Dame, die meine Eltern wohl in den 70ern in Frankreich aufgegabelt hatten.

Ihr gegenüber steht Julius. Die Herkunft des afrikanischen Herren aus schwerem Tropenholz kann ich nicht zurückverfolgen. Er kommt irgendwie aus dem Off. Ganz sicher ist er nicht wertvoll, aber er ist eben Julius, dessen geschorenen Kopf ich immer besonders vorsichtig abstaube. Wer weiß schon, wie er richtig heißt und welche Geister in ihm wohnen.

Und der Haifisch, der hat Zähne

Es gibt das Gebiss eines Zitronenhais, das ich vor rund zwanzig Jahren im Muséum du Coquillage in Les Sables d’Olonne erstanden habe. Es gibt einen alten Austernhandschuh, der niemandem von uns passt, weil die Leute früher viel kleiner Hände hatten. Es gibt das alte Opernfernglas, das mich immer anschaut wie der Roboter aus „Nr.5 lebt!“ Die Canon AE 1 war zu ihre Zeit das Highend.

Wenn ich mich also entscheiden müsste, würde dieses Sammelsurium immer mit mir reisen. Egal wohin. Und die Dose mit den Milchzähnen unseres Sohnes und eine alte Fayence und ein kleines Behältnis aus Bakelit, dessen Farben an den Panzer einer Schmuckschildkröte erinnern. Ich könnte auf vieles Verzichten, aber nicht auf meine kleinen Nutzlosigkeiten.

1 Kommentar

  1. Meine Jugend steckt in einer Plastiktüte

    Alle paar Jahre packt mich mal die Aufräumwut. Dann wird gnadenlos ausgemistet. Da kenne ich weder Freund noch Feind. Selbst meine alte Canon AE 1 kam inklusive sämtlichen Zubehör bei eBay unterm Hammer. Aber spätestens wenn ich die unterste Schublade an meinem Schreibtisch öffne und diese mittlerweile schon ziemlich ausgeblasste Plastiktüte in den Händen halte, spätestens dann lege ich eine Paus ein. Meistens wird das eine lange Pause. Eigentlich befindet sich nichts Besonderes in dieser Tüte. Nüchtern betrachtet sind es nur bunt bedruckte Papierschnipsel. Für mich aber sind es lebendige Erinnerungen. Es sind sämtliche Konzerttickets auf denen ich jemals war.

    Das älteste Ticket ist von einem Open Air auf der Loreley. Meine ältere Schwester hatte mich damals mitgeschleppt und mir damit eine neue Welt eröffnet. Auf dem Ticket stehen viele Namen von Künstlern die bereits nicht mehr unter uns sind. Damals war das die absolute Reizüberflutung für mich. Ich kapierte eigentlich gar nicht so richtig was da so alles um mich herum passierte, aber irgendwie war es schon sehr geil. Ein tolles Gefühl.

    Fortan war ich auf sehr, sehr vielen Konzerten! Als ich endlich mein erstes Auto hatte, war ich fast jedes Wochenende und nicht selten auch unter der Woche in der Kölner Südstadt in meiner Lieblingslocation. Jede Woche traten dort meistens eher (noch) unbekannte Künstler auf. So auch an diesem einen Abend der sofort zurück in meinem Kopf ist wenn ich die Eintrittskarte in meinen Händen halte. Dieses eine Ticket suche ich geradezu jedes Mal.

    Obwohl dieses Konzert schlecht besucht war, stand man direkt im dicken Zigarettenqualm. Zigarettenqualm und Schweiß, und der Boden klebte von Bier und Cola. Die damals typische Atmosphäre halt. Und ich dachte noch, wenn’s scheiße ist dann hau ich ab, das Ticket war ja ohnehin nicht teuer. Ich hatte mir eine Cola bestellt und blieb an der Theke stehen. Dort stand man recht nahe etwas erhöht und mit guter Sicht zur Bühne. Und dann kam dieses äußerst zierliche, langhaarige 17-jährige Mädchen auf die Bühne. Meine Skepsis wuchs, schöne Menschen müssen nicht unbedingt auch schön singen können.
    Und dann fing sie an zu singen…
    Mit der ersten Silbe stellte sich eine wohltuende Gänsehaut bei mir ein. Und feuchte Augen. Ja, ich hatte wirklich Tränen in den Augen. So etwas hatte ich bis dahin noch nie erlebt. Zwischendurch schaute ich mal vorsichtig nach links und rechts um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht irgendwie blamiere. Aber diese zierliche Sirene hatte den gesamten Saal verzaubert. Niemand sagte ein Wort. Selbst die Leute hinter der Theke hatten den Abwasch eingestellt. Das war ein Abend für die Ewigkeit!

    Sie hat ihre Karriere gemacht, aber die aktuelle Musik von ihr gefällt mir heute nicht mehr. Das Gefühl von damals ist jedoch sofort zurück wenn ich das Ticket in meinen Händen halte. So ergeht es mir bei vielen dieser bunten Papierstreifen. Diese und viele andere Erinnerungen kommen sofort wieder hoch wenn ich die olle Plastiktüte öffne. Für andere mag es unnütz sein, für mich ist es ein wichtiger Teil meines Lebens. Und so lange ich atme und mich erinnern kann, so lange werde ich diese Tüte wie meinen Augapfel hüten.

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