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Wecke die schlafenden Hunde – Schwarz-Weiß ist das andere Bunt

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Neulich sagte jemand zu mir: Fotos in Schwarz-Weiß? Das sind meine schlafenden Hunde! Warum weckst du sie nicht, fragte ich. Ich traue mich nicht! Dabei ist die monochrome Welt viel ungefährlicher als man denken mag, wenn man ein paar kleine Regeln beherzigt.

Wir sehen täglich großartige Fotos, die durch ihre Farbe leben. Landschaften, Tiere, Architektur, Reportage – rechnete ich sie in Schwarz-Weiß um, verlören viele ihren Zauber. Ebenso eindringlich sind aber auch viele schwarz-weiß Bilder, die in ihrer farbigen Version ganz sicher flau, mau und kraftlos wären. Beide Sichten auf die Welt haben ihre Berechtigung und beide ihre Faszination.

Farbe oder schwarz-weiß? Es gibt kein besser oder schlechter!

Mit besser oder schlechter hat das nichts zu tun. Sie sind anders, lenken den Blick auf andere Weise auf das Sujet. Farben setzen in Fotos inhaltlich wie gestalterische Schwerpunkte, ebenso wie das Licht und Schatten tun. Beschränkt man sich allerdings auf die Grauskala, so muss man vielleicht noch ein bisschen pingeliger in Bezug auf Komposition, Perspektive, Lichtverteilung und Struktur sein.

Licht, Licht, Licht! Die alte Phrix Papierfabrik in Hattersheim am Main, Canon EOS 5Ds R, Canon EF 24mm 1:1,4L II USM

Außerdem muss ich mir immer wieder die Frage stellen, wie viel Informationsgehalt die Farbe in einem Fotos hat. Wie wichtig ist sie für den Inhalt. Fotografiere ich zum Beispiel eine Erdbeere, dann ist ihre sattes Rot von wesentlicher Bedeutung. In schwarz-weiß kann die gleiche Erdbeere vielleicht kurzfristig ganz interessant sein, ihr wahrer Charakter käme aber nicht zur Geltung. Bewegt sich eine Tänzerin in einem weißen Kleid vor einem dunklen Hintergrund, dann spielen die Farben bzw. Nichtfarben dieser Szene keine Rolle. Es geht ausschließlich um die Bewegung im Raum, das Hell vor dem Dunkel. Eine konsequente Reduzierung darauf bringt das Foto auf den Punkt.

Es taugt nicht immer alles – das andere Bunt

Natürlich fotografiere ich immer erst in Farbe. Doch manchmal weiß ich schon beim Abdrücken genau, dass das eine oder andere Foto ein schwarz-weißes sein wird. Und zwar genau dann immer, wenn Lichtsituation und Szenerie schon starke Kontraste vorgeben. Wenig Helles vor viel Dunkel oder umgekehrt. Ich achte zudem immer sehr genau darauf, dass das Sujet sich möglich stark von einem ruhigen und detailarmen Hintergrund abhebt. Denn zu viele kleinteilige Strukturen hinten drin machen ein Schwarz-Weiß Foto extrem unruhig und unklar. Das Sujet kann sich schließlich nur durch sich selbst und sein Licht, nicht durch seine Farbe abheben. Ganz anders muss der Fokus natürlich liegen, wenn es um tiefe Räume geht. In ihnen zählt jedes Detail, die Klarheit des Aufbaus sollte allerdings – wie immer – erhalten bleiben. Hierzu gibt es ein paar Beispiele in der Architekturfotografie, die einem den Mund offen stehen lassen.

Hin und wieder stellt sich im Nachhinein heraus, dass ich unrecht hatte. Dann sind die Farben doch so schön gelungen, dass es eine Schande wäre, sie herauszunehmen. Ein anderes Bild wiederum, das mir in der farbigen Version so lala daher kommt, ist in starken hell-dunkel Kontrasten plötzlich genau mein Ding.

Und dann mache ich folgendes:

1. Ich schaue mir in Lightroom die hellsten und die dunkelsten Partien des RAWs an. Bei Danny (oben) auf dem Sofa z.B. sehr genau die Weißanteile im Fell. Ich hasse nichts mehr, als überstrahltes Weiß, bei dem man nicht den Hauch einer Struktur mehr sehen kann. Deshalb belichte ich meine Fotos lieber unter als über. Gerade weißes Fell ist sonst schneller Matsche, als man gucken kann und dann ist das Foto für die Tonne. Der Hintergrund hingegen darf in manchen Fällen ruhig komplett wegsuppen (siehe schwarze Felldecke und ihre geringe Zeichnung).

2. Hat das Bild die erste Phase überlebt, dann kommt der Schnitt. In meinen Augen so ziemlich das wichtigste, das man einem Foto antun muss. Manchmal ergibt sich der Schnitt von selbst, manchmal hadere ich Stunden mit der Balance. Der goldene Schnitt ist hierbei nicht immer die goldene Regel, hat aber nicht ohne Grund seinen festen Platz in der Kunstgeschichte.

3. Dann nehme ich mit dem Korrekturpinsel falls nötig Lichter heraus. Ein wenig, damit hinterher die Kontraste nicht zu hart werden. Dann gehe ich gegebenenfalls auch an die Tiefen, damit dort die Strukturen sichtbar bleiben. Ich verwende keine Presets, Masken oder Filter. Ich bearbeite jedes Foto einzeln und von – virtueller – Hand. (In Lightroom habe ich zwar alle VSCO-Filter, verwende sie aber eher selten und wenn nur für Farbfotos.)

4. Dann öffne ich das RAW in Photoshop. Dort habe ich ein kleines Zauberwerkzeug, das ich mir in meinem Sinne zurechtgebogen habe. Die kostenlose Nik-Collection beinhaltet auch Schwarz-Weiß Filter, die nicht unbedingt der Burner sind. Aber einer ist dazwischen (Push Process), der pur zwar viel zu krass ist, stark abgemildert allerdings genau die Hell-Dunkel-Verteilung hinkriegt, die ich mag. Hier kann ich auch noch die Farbkanäle (also Grün, Rot usw. dunkler oder heller ziehen) bearbeiten und die Struktur verstärken oder abmildern. Vorsicht mit der Struktur! Zu viel davon und die Fotos kriegen diesen grauenhaften HDR-Effekt. Ich verwende diesen Filter nicht immer, aber recht oft.

Mein Schwarz-Weiß

5. Ich drücke auf den Knopf und schaue, ob meine Vorarbeit in Lightroom Früchte getragen hat. Nicht selten sind mir die Kontraste immer noch zu hart. Gerade bei den feinen Wischspuren in meinen Mitziehern muss ich höllisch aufpassen. Theoretisch könnte ich in Photoshop nachbelichten, mache ich aber nicht. Ich gehe also zurück zu Lightroom und fange von vorne an. Dem Betrachter wird der Unterschied im Tutu oder in Dannys Fell oder im Auge eines Pferdes nicht auffallen. Mir aber. Das mag ausgefuchsten Workflowern bescheuert vorkommen, aber ich mache das so.

6. Sitze ich nun endlich vor einem fertigen Foto wie zum Beispiel aus der 5Ds R im Format 8000 x 5000 Pixel, dann muss ich es für eine Online-Publikation selbstredend nachschärfen und klein rechnen. Das Nachschärfen ist so eine Sache. Oftmals sehe ich Fotos bei Facebook oder Instagram, die so extrem nachgeschärft sind, dass ich beim Betrachten Kopfschmerzen kriege. Das tut nicht nur in den Augen weh, sondern sieht auch übel aus. Deshalb bin ich sehr, sehr vorsichtig. Denn ein richtig scharfe Foto wird mitunter schlechter, wenn ich zu stark am Rädchen drehe.

Letztendlich ist die Entstehung eines Fotos, mit dem ich zufrieden bin, ein recht kurzer Prozess. Denn zufrieden bin ich genau dann, wenn ich so gut wie nichts daran machen muss. Dann geht das zack, zack. Das bedeutet, dass es aus der Kamera perfekt sein muss. Manchmal klappt das, manchmal nicht. Aber einfach wäre ja auch langweilig!

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