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Mitzieher – Wie, was, warum?

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Was ist jetzt genau nochmal ein Mitzieher? Die Frage kam auf, als ich eines der folgenden Fotos am Montag bei Facebook gepostet hatte. Ich würde die Antwort sehr locker formulieren, denn eine Schublade gibt es nicht: Zu allererst beschreibt Mitziehen eine fotografische Technik, bei der der Fotograf einem sich mehr oder weniger schnell an ihm vorbei bewegenden Objekt mit der Kamera folgt und im richtigen Moment den Auslöser drückt. So entstehen Bewegungsunschärfen, die in dem zweidimensionalen Medium Fotografie Geschwindigkeit abbilden bzw. sie für das Auge des Betrachters auf oft eindrucksvolle Weise simulieren.

Saluki auf dem Coursing Parcour , 1/60 sek., ISO 100, f/9, alle hier gezeigten Fotos habe ich am letzten Sonntag mit der Canon EOS 1D X Mark II und dem Canon EF 70-200mm 1:2,8L IS II USM gemacht.

Lang, länger, so lange es geht

Wie das Ergebnis auszusehen hat, kann jeder für sich selbst definieren. Ich kenne großartige Mitzieher aus dem Motorsport, die komplett unscharf und gerade deshalb extrem dynamisch und sehr malerisch sind. Dann gibt es solche, die nur ein bisschen mit der Bewegungsunschärfe spielen und tausend weitere Variationen. Wie und wobei man diese Technik einsetzt, ist vollkommen egal. Je nach dem wie groß das Objekt ist und wie schnell es sich bewegt, kann die Belichtungszeit lang bis sehr lang sein. Wobei die Definition von lang auf dem individuellen Empfinden und natürlich der Erfahrung mit dieser Technik beruht.

Aber sie muss lang sein. Denn kurze Belichtungszeiten, je nach Objekt bis zu 1/200 sek., frieren eine Bewegung ein. Dann sieht z.B. ein Auto so aus, als würde es auf einer Straße stehen und nicht fahren, weil die Rotation der Räder nicht zum Ausdruck kommt. Wähle ich für die gleiche Szene 1/60 sek. oder 1/40 sek., dann ist der Korpus des vorbeifahrenden Autos scharf, aber die sich schnell drehenden Räder und natürlich der Hintergrund unscharf. So muss das sein. So visualisiert sich die Dynamik eines fahren Autos. Simpel aber sehr wirkungsvoll.

Zwei Whippets auf dem Coursing Parcour – 1/60 sek., ISO 100, f/9

Mitzieher bestehen aus Übung und Erfahrung

Die Fotografie braucht Übung. Übung fürs Auge, Übung an der Technik. Von Null auf Hundert klappt nichts. Aber ich meine, dass ein Mitzieher an sich besonders viel Übung braucht. Denn er entsteht aus einer Summe von Erfahrungen. Wie schnell ist das Motiv? Wie bewegt es sich an mir vorbei? Welche Belichtungszeit passt zum Tempo und zum Motiv? Welche Brennweite nutze ich? Geht das ohne Stativ? Ich habe nur ein einziges Mal im meinem Leben outdoor mit einem Stativ fotografiert. Gezwungenermaßen, weil ich ein 400er 1:2,8L einfach nicht halten kann. (Stative behindern mich. Außerdem sind sie nutzlos, wenn ich mich sowieso am Boden bewege.)

Eine Faustregel sagt: Die Belichtungszeit darf höchstens gleich der Brennweite sein. Also, fotografiere ich mit 200mm sollte ich 1/200 sek. nicht überschreiten, sonst wird die Chose unscharf. Das ist eine gute Orientierung, wenn es um eingefrorene Fotos geht. Paddy Ludolf schreibt in einem Artikel von 2010 dazu: „Ein ausgebildeter Scharfschütze wird längere Belichtungszeiten ohne Verwackeln halten können.

Das sehe ich anders und in Bezug auf Mitzieher gilt die Regel meines Erachtens überhaupt nicht. Zumindest für mich nicht. Ich fotografiere endlos und über Stunden mit 300mm 1:2,8 bei 1/80 bis zu einer 1/60 sek. aus der Hand. Je nach Tempo und Berechenbarkeit des Motivs wird es darüber allerdings zunehmend haariger. Besonders wenn die Arme schon müde sind. Ganz wichtig hierbei ist übrigens, den Bildstabilisator am Objektiv auszuschalten, denn er arbeitet genau gegen die Effekte, die ein Mitzieher haben soll.

Scharfschützenarbeit?

Ich habe an der Rennbahn schon mehrfach mit 200mm verschieden lange Belichtungszeiten (1/60 sek. – 1/40 sek.) ausprobiert und hinterher genau sehen können, was noch geht und was nicht mehr. Hierbei ist natürlich das Tempo der Hunde im Verhältnis zu ihrer Größe von ganz wesentlicher Bedeutung. Je größer die Hunde, desto größer sind ihre Bewegungen. Je größer die Bewegung, desto länger kann ich belichten. Logisch, oder? Doch manche großen Hunde, wie die Greyhounds, sind dabei schneller, als die kleinen Hunde mit ihren kleineren und deshalb in sich schnelleren Bewegungen. Tricky! Denn dann muss ich trotz der größeren Bewegungen doch eine marginal kürzere Belichtungszeit wählen. Also anstelle von 1/60 mit knirschenden Zähnen 1/80 sek.

Auto sind in sich statische Motive, die von A nach B fahren. Von ihnen einen Mitzieher zu machen, ist recht einfach. Hunde hingegen bewegen beim Laufen ihre Köpfe schnell auf und ab, so dass der „Schärfepunkt Kopf“ tatsächlich Scharfschützenarbeit ist, um bei Paddy zu bleiben.

Doch wer sagt mir denn, dass unbedingt der Kopf scharf sein muss? Natürlich sieht das cool aus und wird allgemein gerne gesehen. Ein knackenscharfer Ausdruck in den Augen des Hundes während er mit 50 km/h über die Bahn donnert, ist ein genialer Kontrast zu einem wild wirbelnden Körper.

Aber muss das immer sein? Vielleicht mag ich es, wenn sich das Tier in seiner Bewegung komplett auflöst, wenn nur eine Pfote oder ein Muskel scharf ist? Schließlich sind diese Fotos keine Portraits. Ihr Thema ist die Geschwindigkeit selbst. Das Individuum Hund tritt dabei vollkommen in den Hintergrund. Und wenn ich es mal wieder auf die Spitze treibe, kommen manchmal Foto dabei heraus, mit denen ich nicht gerechnet habe, die ich – ich ganz allein – großartig finde und die mich zu mehr anstacheln.

Out of the camera: Ich habe die Kontraste etwas erhöht und fertig. Ich mag die Details sehr. 1/60 sek., ISO 100, f/5,6

No filters please!

Denn mir geht es um das Experiment mit dem Medium Fotografie selbst. Ich frage nicht: Wie bearbeite ich ein Foto nach? Welche Filter kann ich später nutzen? Und am wenigsten: Was könnte einem Publikum gefallen. Interessiert mich nicht die Bohne. (Es sei denn ich erfülle einen Auftrag. Dann hat es mich selbstredend zu interessieren.) Meine Frage ist: Was kann ich mit einer Kamera und einem Objektiv machen? Was kann die Fotografie? Ich will sie selbst verstehen und nicht das ganze Gedöns, das ich ihr nachträglich überstülpen könnte.

Natürlich mag ich die Fotografie, weil sie einen kleinen Moment unserer Wirklichkeit 1:1 festhalten kann. In aller Schärfe und nicht selten in aller Brutalität. So nutze ich sie auch gerne und oft. Doch die Schärfe darf nicht zum Selbstzweck werden. Denn dann ist ein Foto nicht mehr als eine technokratische Spielerei, deren Motiv austauschbar ist. Schärfen und Unschärfen müssen dem Inhalt eines Bildes bzw. der Bildidee dienen und nicht umgekehrt.

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