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Die verkehrte Welt – Als Bonzo ins Wachkoma fiel

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Am frühen Morgen des 4.Juli 2017 biegen Mono, Danny und ich strammen Schrittes um eine dicht beheckte Kurve. Wir ziehen hart die Bremse, als uns hinter dieser Kurve ein kleiner, dicker, schwarzer Terriermischling den Weg versperrt.

Er holt tief Luft und fängt an zu kläffen, als hinge sein Leben davon ab. Wir bleiben sehr gesittet stehen. Das können wir gut. Etwa zehn Meter hinter ihm hält ein Ömchen den Griff einer Flexileine so fest, wie sie es mit ihrem schlimmen Tatterich noch kann. „Oooooh, die beiden Hübschen möchten meinen Bonzo bestimmt kennenlernen!“ „Ooooh!“ antwortete ich freundlich, „Ich glaube eher nicht!“

Ich habe lange überlegt, welche Fotos zu diesem Text passen könnten.

Er ist ein ganz Sensibler!

„Ja, wenn ihre Hunde böse sind! Bonzo merkt das sofort. Deshalb bellt er ja.“ „Ach so, …. Ja dann!“ Ich habe keine Lust auf absurde Diskussionen und versuche vorsichtig, meine beiden Whippets an Bonzos Zähnen vorbei zu manövrieren. Doch er nutzt seinen zehn Meter Flexi-Spielraum geschickt aus, hält erst Abstand und versucht dann, von hinten heranschießend seine marode Kauleiste in Dannys Hintern zu vergraben. Ich drehe mich um und fauche: „Hau ab, Bonzo!“ Wie mit einer Schere abgeschnitten ist Schluss. Das schmerzhaft metallische Bellen verstummt schlagartig. Der kleine, fette Bonzo ist still, steht dort, wie vom Blitz getroffen und glotzt mich an. Der fällt gleich ins Koma, denke ich. Mono steht kernentspannt hinter mir, Danny trippelt. Der Zwerg ist ob der Attacke offenbar beleidigt und fordert Genugtuung. „Jetzt nehmen sie doch ihre bösen Hunde weg! Sie sehen doch, dass Bonzo ein ganz sensibler ist!“

Danny ist beleidigt und fordert Genugtuung.

Kennt ihr dieses Gefühl? Es ist eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Resignation, Hilflosigkeit und der Gewissheit, dass nichts und niemand auf dieser Welt diese vollkommen irreale Szene auflösen und zum Guten wenden wird. Ich atme ein, um etwas zu sagen, drehe mich aber dann wortlos weg. Wer wird denn mit einem Ömchen diskutieren, dessen vermutlich einzig noch auf dieser Erde wandelnde Begleiter ein keifender, hinterhältiger, vollfetter Terrier ist. Sie wird ihn innig lieben, verwöhnen – ganz sicher verwöhnen, sonst sähe er nicht so aus -, sie wird mit ihm sprechen, so wie ich es mit meinen Hunden auch oft tue. Hier und heute werde ich ganz sicher nicht die verbale Keule rausholen.

Die Ewigkeit auf einer Brüsseler Stickerei

„Schreien sie meinen Bonzo nicht an!“ Das Ömchen echauffiert sich plötzlich. „Hören sie gute Frau! Erstens habe ich nicht geschrien, sondern ihren Bonzo nur scharf angesprochen. Zweitens, rollen sie jetzt bitte mal die Flexi ein, damit wir ungehindert vorbeigehen können und nicht auf die Straße ausweichen müssen. Bitte!“ Ich bin fast noch ruhiger als Mono. „Mein Bonzo ist so ein Lieber. Sie haben ihn erschreckt!“ „Ja, das hat ja auch gewirkt. Er bellt nicht mehr.“ Ich registriere meinen ironischen Unterton und beschließe, dass er angemessen ist. Bonzo steht nach wie vor stocksteif glotzend auf dem Weg. Ob so ein Wachkoma aussieht, frage ich mich.

Danny wälzt sich

Gleichzeitig versuche ich, Monos mittlerweile flehenden Blick zu deuten und spiele flott ein paar Varianten durch. Darf ich den Rüpel kurz einnorden? Nein! Können wir weitergehen? Ja, gleich! Hast du einen Keks? Ja, hier nimm! Und Danny auch. Denn ein Keks zwischen den Zähnen des Streifentiers wirkt Wunder. Ich vergesse kurz, dass es aktuell zu fett ist und die Diät endlich erste Früchte trägt. Aber ein Terrier im Wachkoma ist eine Ausnahmeerscheinung. Während ich großzügig Frühstückskekse verteile, halte ich Bonzo im Auge. Wer weiß, wann er und seine Zähne wieder aufwachen. Doch er steht dort wie ein ausgestopftes Double seiner selbst. Das ist deine Zukunft, Bonzo! Wenn du ins Gras beißt, dann lässt dich dein Frauchen ausstopfen. Dein fettes Bäuchlein wird bis in alle Ewigkeit eine Brüsseler Spitze beschweren. Denn das Duo ist keinesfalls von niederer Herkunft, mutmaße ich.

Schön alt

Das Ömchen ist elegant und teuer gekleidet. Die Frisur sitzt perfekt und ihr Schmuck weist auf mehr als nur bescheidenen Wohlstand hin. Sie ist eine feine, aber in Bezug auf ihren Hund offenbar vollkommen verpeilte Dame. Unternehmergattin, denke ich. Gebildet, denke ich. Gebürtig aus reichem Hause vielleicht. Verlegerin, Juristin, Wissenschaftlerin? Einstmals eine Schönheit, denke ich, als ich sie mir genauer betrachte. Kein lächerliches Lifting verzerrt ihre edlen Züge. Ihre Nase ist fein und schmal. Sie ist auf eine wunderschöne Weise ehrlich alt.

Mono auf dem Rücken. Als er wieder aufstand, stank er infernalisch.

Ich will mit dieser Frau keinen Streit und ärgere mich zutiefst, dass ich keine Kamera dabei habe. Diese Dame und ihr Bonzo mit einem Weitwinkel, vorne ein bisschen aufgeblitzt? Das wäre ein grandioses Fotos. Aber heute soll es einfach nicht sein. Wir lösen uns voneinander. Ich gehe mit Mono und Danny endlich weiter. Auf dem Weg nach Hause überkommt mich eine merkwürdige Sentimentalität. Wie werde ich sein, wenn ich mein achtzigstes Lebensjahr erreicht habe? Wenn ich es überhaupt erreiche. Werde ich nach wie vor ein paar nette Whippets um mich haben, die mir warme Kissen und liebenswerte Begleiter sind? Das hoffe ich doch schwer. Und vielleicht wird sich noch ein Greyhound dazu gesellen. Irgendwann.

8 Kommentare

  1. Komisch, mir ist so etwas noch nie passiert. Coco geht derartig hochnäsig an allen, auch kläffenden Hunden vorbei, dass ich mich manchmal fast für Ihre Arroganz schäme.

    • Das tun meine Jungs ja eigentlich auch. Doch wenn uns auf diese Weise der Weg versperrt wird. Was sollen wir da tun?

      Entspannte Grüße

  2. Marion Eckardt-Grefermann

    Liebe Karla, schreiben sie ein Buch! Ich kaufe es sofort!!!!! Das würde ein Buch, das ich auf eine Insel mitnehmen würde….

  3. Ludger Beckmann

    Wunderschön beschriebene Situation mit riesigem Wiedererkennungswert! Ich denke in jedem Hundebesitzer steckt ein Ömchen, das mit zunehmender Bindung an den jeweiligen Bonzo immer schwerer zu kontrollieren ist. Arbeiten wir dran :)!

  4. Bürger Christiane

    Ist mir und meinem Whippet Rüden Nigel auch schon passiert, eigentlich ist er ein ruhiger Hund der keinen Ärger mag, aber wenn uns der Weg versperrt wird und der andere Hund offensichtlich keine Manieren hat regelt Nigel das auf seine Weise, so dass wenn der Kläffer nicht aufhört, er ihn blitzschnell am Hinterlauf packt und ihn umschmeißt, dann stellt er sich grollend, aber nicht beißend, über den Angreifer, der ist dann meistens so verdutzt, dass der keinen Ton mehr von sich gibt, nur die jeweiligen Besitzer sind mit einem solchen Ausgang der Begegnung nicht glücklich und beschimpfen dann mich, aber da höre ich einfach nicht mehr zu und gehe weiter, denn die Erfahrung hat gezeigt, dass es einfach keinen Sinn macht zu diskutieren.
    Noch eine schöne heiße Woche!

    • Mono ist auch so ein Kandidat, der aber nur mit Erlaubnis erzieht. Es sei denn beim Flitzen geht ihm ein junger Hund auf den Zahn. Dann entscheidet er selbstständig.

      Entspannte Grüße

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